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1. Internationale Lasker-Konferenz
Auf den Spuren eines universellen Geistes
Am Abend des 14. Januar kreisten in einem Zimmer des Potsdamer Hotels Mercure
die Wodkagläser. "Auf Lasker", sagte der 80 Jahre alte russische Schachhistoriker
Isaak Linder mit Pathos in der Stimme und fügte an Juri Awerbach, 78, gewandt
hinzu: "Und darauf, dass die Deutschen ihren großen Landsmann mit einer perfekt
organisierten Konferenz endlich entsprechend gewürdigt haben!"
von Dirk Poldauf
In der Tat übertraf die Symbolkraft, die von der Veranstaltung ausging, alle anderen
Aspekte. Der Umgang mit Emanuel Lasker, der die Schachkrone 27 Jahre lang von
1894 bis 1921 trug, war kein Ruhmesblatt für die Deutschen. Der Prophet gilt nur
zu oft nichts im eigenen Land, aber hier wurde er, da jüdischer Abstammung, 1935
ins Exil getrieben und sein Name, so weit dies möglich war, aus den Annalen und
dem Bewusstsein der Schachspieler getilgt.
1968 gab es in Berlin und Bamberg internationale Gedenkturniere zu Laskers 100.
Geburtstag. Wolfgang Uhlmann, in Berlin Co-Sieger mit David Bronstein, sowie Wolfgang
Unzicker, Lothar Schmid, Helmut Pfleger und Rudolf Teschner waren von den damaligen
Teilnehmern heute als Ehrengäste in Potsdam dabei. Mit der Wucht und dem Anspruch
der 33 Jahre später stattfindenden Lasker-Konferenz können die genannten Wettbewerbe
jedoch kaum verglichen werden.
Die oben erwähnten Linder und Awerbach zählen zu den wenigen heute noch lebenden
Personen, die den vor 60 Jahren verstorbenen zweiten Schachweltmeister persönlich
erleben konnten. Linder, der zu "Laskers Exil in Moskau" referierte, nahm 1935
an einer Simultanvorstellung Laskers teil, während der spätere Endspielexperte
Awerbach einst aus der Hand des großen Meisters einen Preis bei einem
Nachwuchs-Problemlöserwettbewerb erhielt.
Bewegend waren die Auftritte des 89-jährigen Andre Lilienthal, des ältesten Großmeisters
der Welt, der Lasker seiner Schilderung gemäß so kennenlernte: "Als ich 1927 in
Berlin die Friedrichstraße entlang schlenderte, kam ich am Cafe 'König' vorbei.
Ich ging hinein, um mir mit dem Blitzspiel etwas Geld zu verdienen. Nach einer
Weile erblickte ich plötzlich in einer Ecke Emanuel Lasker. Er spielte nicht Schach,
sondern Go! Ich bat ihn, eine Schachpartie mit mir zu wechseln. Doch er sagte:
'Junger Mann, ich spiele kein Schach mehr! "' Lilienthal führte auf der Konferenz
seine drei Partien gegen Lasker vor und berichtete von den zalilreicheri Begegnungen
mit dem Ex-Weltmeister, den er in Moskau 1935-37 fast täglich besucht habe.
Wie so oft, ging auch dieses Großereignis auf die Initiative und den Enthusiasmus
eines Einzelnen zurück. Die Internationale Emanuel Lasker Konferenz vom 12.-14.
Januar 2001 in Potsdam wird untrennbar mit dem Namen eines Mannes verbunden bleiben:
Paul Werner Wagner. Der 52-jährige Kulturmanager und Lasker-Fan, der einst seinen
Sohn auf den Namen Emanuel taufen ließ, entwickelte die Konzeption, trieb Sponsorengelder
erheblichen Umfanges auf und führte eloquent durch die Veranstaltung. Der Presseauftrieb
war imposant - verglichen mit Schachveranstaltungen herkömmlicher Art. Bereits
im Vorfeld erschienen in den Feuilletons vieler bedeutender Tageszeitungen große
Artikel über Emanuel Lasker. Die britische BBC entsandte ein Team mit dem renommierten
Schachkommentator Daniel King, der sich im übrigen von der Veranstaltung beeindruckt
zeigte und mehrfach betonte, dass dergleichen in England undenkbar sei. Politprominenz
um den brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und Innenminister
Otto Schily trat auf; das Moses Mendelssohn Zentrum/Potsdam und das Wilhelm Fraenger
Institut/Potsdam fungierten als Veranstalter, die Bundeszentrale für Politische
Bildung und andere öffentliche Einrichtungen als Geldgeber. Schily nahm am Prominententurnier
teil, das von Juri Awerbach und Wolfgang Uhlmann gewonnen wurde.
Paul Werner Wagner: Bereits zu DDR-Zeiten hatte er erfolgreich Schachveranstaltungen
organisiert, doch mit der Internationalen Emanuel Lasker Konferenz lieferte der
Berliner Kulturmanager zumindest im Schachbereich sein Meisterstück.
Die Lasker-Konferenz war nicht nur Ideenwerkstatt, sondern auch eine Stätte des
Knüpfens oder Vertiefens von Kontakten zwischen den Vertretern unterschiedlicher
Fachrichtungen und Generationen. Ich beispielsweise sah die ehemalige Weltklassespielerin
Edith Keller-Herrmann, 79, erstmals in natura, und auch ein Rudolf Teschner, 78,
wiewohl in Berlin lebend, läuft einem nur alle zehn Jahre über den Weg. Simultanveranstaltungen
mit Viktor Kortschnoj, Robert Hübner und Raj Tischbierek, die jeweils an 25 Brettern
antraten, umrahmten die Konferenz. Der Zuspruch war mit über 200 Tagungsteilnehmern,
die pro Tag eine Gebühr von 30,- DM entrichteten, erstaunlich rege; der Saal des
Kulturhauses Altes Rathaus war über weite Strecken fast vollständig gefüllt.
Da das Programm ausgesprochen umfangreich war, eine Broschüre erscheinen wird,
die u. a. alle Referate beinhaltet und auf der Konferenz auch das neue Lasker-Buch
Emanuel Lasker - Schach, Philosophie, Wissenschaft (Philo Verlag, Berlin
2001) vorgestellt wurde, möchte ich mich im Anschluss auf einige wenige der inhaltlichen
Punkte konzentrieren, die mir am interessantesten erschienen.
Schach und Psychologie
Kontroversen, die der Wahrheitsfindung dienen und die inhaltliche Qualität einer
wissenschaftlichen Konferenz mit bestimmen, ließ das Programm am ehesten hinsichtlich
der annoncierten Vorträge zur "psychologischen Spielführung Laskers" erwarten,
die über die vergangenen Jahrzehnte hinweg immer wieder postuliert und von Robert
Hübner in einigen Veröffentlichungen fundiert bestritten wurde. Viele Konferenzteilnehmer
dürften den Vorträgen Helmut Pflegers, "Laskers psychologischer Stil - Demonstration
einer Entscheidungspartie des Weltmeisters Emanuel Lasker", und Robert Hübners,
"Bemerkungen zur These von Laskers psychologischer Spielführung" regelrecht entgegen
gefiebert haben.
Es erwies sich jedoch alsbald, dass keine Auseinandersetzung stattfinden würde,
denn die genannten Vorträge waren nicht kompatibel. Pflegers Ausführungen waren
eher im bewährt unterhaltsamen, teils anekdotenhaften Stil gehalten, wofür ihm
ein Teil des Auditoriums nach einigen vergleichsweise schwerblütigen Beiträgen
dankbar gewesen sein mag. Hübner dagegen legte detailliert dar, wie sich die seines
Erachtens unhaltbare These über die psychologische Spielführung Laskers über Äußerungen
Tarraschs, Tartakowers und Retis ihren Weg in die Literatur bahnen konnte, wo
sie sich bis heute hartnäckig behauptet, ohne hinreichend begründet zu sein. Bereits
Pfleger hatte zuvor von dem Dilemma gesprochen, im Vorfeld der Konferenz keine
Aussagen von Lasker selbst gefunden zu haben, die die These von der Psychologie
im Schach unterstützten. Hübner wies nach, dass am ehesten das Feld der Eröffnung
Raum für gleichwohl begrenzte Möglichkeiten, auf die Psyche des Gegners einzugehen,
bieten würde, weil hier "die Kräfte noch nicht so verzahnt seien, dass eine Bewegung
alles andere mitreiße". Jedoch sei ausgerechnet die Eröffnung die schwächste Stelle
in Laskers Schachverständnis gewesen (was im übrigen von nahezu allen Historikern
bestätigt wird). Gemäß Hübner ist das Schachspiel eine Abfolge konkreter Entscheidungen
und bietet im Wesentlichen keinen Raum für Psychologie. Und auch nicht für die
Identifizierung verschiedener Schachstile, wie Hübner in der Diskussion auf eine
entsprechende Frage feststellte. Äußerungen über Stile seien seicht, eben Journalismus.
An dieser Stelle gehe ich mit Hübner nicht konform, aber mein Wissen reicht derzeit
nicht aus, um eine schlüssige Gegenargumentation liefern zu können.
Nach allgemeinem Tenor auf der Lasker-Konferenz, auch anderer Referenten, war
Hübners brillanter Vortrag der Höhepunkt der Veranstaltung. Ich bin sicher, dass
sich Hübner trotz seines für ihn typischen Understatements (er habe nichts Besonderes
zu sagen, würde auf die vorhergehenden Beiträge, weil er sie nicht zur Kenntnis
nahm, nicht eingehen und könne daher nicht mehr tun als seinen Text plump vom
Blatt abzulesen) der Güte seines Vortrages sehr wohl bewusst war. Er bewies dadurch
ein Gespür für Dramaturgie, dass er nicht sogleich unter den vor dem Auditorium
sitzenden Referenten Platz nahm, sondern erst zur "Ablesung" seines Manuskripts
ans Pult schritt und sofort nach der anschließenden Diskussion entschwand. Selbstverständlich
sind dies nur Vermutungen. Hübners Vortrag wird im vollen Wortlaut in der nächsten
Ausgabe von Schach zu finden sein.
Donnernden Applaus des Auditoriums heimste Robert Hübner mit seinem geschliffenen
und mit dem ihm eigenen bissigen Humor gewürzten Vortrag über die Problematik
der Psychologie im Schach ein.
Lichtblicke
Diese bemerkenswerte Konferenz förderte für den einen zu Tage bzw. bestätigte
für den anderen ein weiteres Mal, dass Emanuel Lasker nicht nur ein außergewöhnlich
starker Schachspieler, sondern auch eine hoch gebildete Persönlichkeit und ein
origineller Denker war. Unter den Referenten befanden sich neben Schachexperten
wie Hübner, Unzicker, Schmid oder Awerbach auch Politologen, Historiker, Philosophen,
ein Architekt sowie ein Mathematiker. Gerade die Mathematik war das Feld, auf
dem es Lasker neben dem Schach zu herausragenden Leistungen gebracht hatte, wie
Matthias Thesing darlegte. Lasker war promovierter Mathematiker und fand für ein
herkömmliches mathematisches Problem durch ein völlig neuartiges Herangehen eine
originelle Lösung, was ihm in einigen Übersichten bedeutendster Mathematiker eine
Erwähnung sicherte.
Seine philosophischen Werke zeichneten sich ebenfalls durch Originalität aus,
wie beispielsweise Albert Einstein und andere führende Geister seiner Zeit bestätigten,
wenngleich er hier aufgrund fehlender gründlicher Ausbildung - im Vergleich zum
Schach und zur Mathematik - Spuren von Dilettantismus nie zu verleugnen vermochte
und unter den Fachphilosophen sehr zu seinem Leidwesen keine Anerkennung fand.
Diese These vertrat u. a. Ulrich Sieg, der auf der Konferenz gemeinsam mit Michael
Dreyer (der zu Laskers politischen Anschauungen referierte) das von beiden herausgegebene,
oben erwähnte Lasker-Buch präsentierte, welches Ihnen auf den sich diesem Beitrag
anschließenden Seiten näher gebracht wird (Teil 1 - Schach 1/01). "Emanuel Lasker
- Homo ludens - Homo politicus" lautete das Motto der Konferenz: der spielende
und der politische Mensch. Auf "Die Bedeutung des Spiels im Denken Laskers" ging
Oliver Lembcke ein. Lasker befasste sich eingehend mit der Spieltheorie, schrieb
einige Werke darüber, erzielte Erfolge im Bridge und Go (zu dessen Popularisierung
in Deutschland er beitrug) und erfand mit "Laska" ein neuartiges Brettspiel, das
auch in den Handel kam. Gemeinsam mit seinem Bruder Bertold verfasste er das Drama
"Vom Menschen die Geschichte", das allerdings nie zur Aufführung gelangte. Hans
Holländer zeigte, wie Lasker und Steinitz versuchten, Gesetze der Physik des 19.
Jahrhunderts in die Schachtheorie zu transformieren.
Vorträge über Laskers Verhältnis zu Holland und Russland, russische Fihndokumente
über Lasker und seine Zeitgenossen sowie die offenbar einzige Aufnahme der Stimme
Laskers, der sich in niederländischer (!) Sprache zu dem Match Aljechin-Euwe äußerte,
rundeten das Bild über den "Prototyp eines kreativen Außenseiters" (Sieg) ab.
Zwei Dinge fielen mir besonders positiv auf. Unter den Referenten waren überwiegend
junge Wissenschaftler (die gleichzeitig starke Schachspieler sind), was für die
Zukunft hoffen lässt. Im Auditorium befanden sich zahlreiche beschlagene Lasker-Spezialisten,
die für eine rege Diskussion sorgten, die ein ums andere Mal aus Zeitgründen abgebrochen
werden musste.
Ein Wiedersehen alter Freunde, die Emanuel Lasker noch persönlich erlebt haben.
Andre Lilienthal (L) aus Budapest und Isaak Linder aus Moskau. Lilienthal, der
am 5. Mai diesen Jahres seinen 90. Geburtstag feiert und damitder älteste Großmeister
der Welt ist, saß Lasker dreimal am Brett gegenüber und konnte ihn bei zwei Unentschieden
einmal schlagen- mit viel Glück, wie er selbst sagt. Der immer noch rüstige und
charmante Zeitzeuge, der 1911 in Moskau als Sohn ungarischer Eltern geboren wurde,
sprach im Rahmen der Konferenz bei drei Auftritten über seine Freundschaft zu
Lasker. Linder, 80, nahm 1935 in Moskau an einer Simultanvorstellung Laskers teil
und veröffentlichte 1991 im Berliner Sportverlag das Buch "Das Schachgenie Lasker".
Im Rahmen der Konferenz wurde die Lasker-Gesellschaft gegründet, die sich die
Pflege des Laskerschen Erbes auf ihre Fahnen geschrieben hat. Ihr Präsident, Paul
Werner Wagner, stellte mindestens eine Veranstaltung pro Jahr in Aussicht und
zeigte sich zuversichtlich, in zwei bis drei Jahren ein Emanuel-Lasker-Turnier
der Superlative mit Namen wie Kasparow, Kramnik und Anand auszurichten. Nahziel
der Gesellschaft ist die Rückführung von Laskers Sommerhaus im brandenburgischen
Thyrow, das sich durch eine einzigartige Architektur auszeichnete, in den Originalzustand
und den Ausbau als Schachmuseum. Der Erfolg der Konferenz hat gezeigt, dass es
in Deutschland einen Hunger nach schachkulturellen Veranstaltungen gibt, von dem
zu hoffen ist, dass er durch die Lasker-Gesellschaft wenigstens teilweise gestillt
werden kann.
Epilog
Die Wodkagläser waren wieder auf der Tischfläche gelandet. "Weißt du Isaak", unterbrach
Juri Awerbach die Sekunden der Nachdenklichkeit, "ich bin nun auch nicht mehr
der jüngste und habe einiges erlebt, aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir
bei uns in der Schachnation Russland je eine Veranstaltung dieser Art gehabt hätten."-
"Bei uns spielen die Leute lieber selbst", entgegnete sein Gegenüber, "eine wissenschaftliche
Konferenz zum Thema Schach aber hat es trotz eines Petrow, Tschigorin, Aljechin
oder Botwinnik bei uns leider nie gegeben."
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