Die Renaissance
  eines Schachgenies

 
 
 

Die Renaissance eines Schachgenies

von Michael Dreyer

Emanuel Lasker (*24.12.1868 Berlinchen - †11.1.1941 New York)
Emanuel Lasker
(*24.12.1868 Berlinchen - †11.1.1941 New York)
Foto: zeitschriftschach.de

Emanuel Lasker gilt als einer der größten Meister aller Zeiten. Schach, Philosophie, Wissenschaft – vor 60 Jahren starb der einzige deutsche Schachweltmeister, der wieder in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses rückt.

BERLIN. Zu seinem 60. Geburtstag gratulierte ihm Albert Einstein 1928 mit herzlichen Worten («Emanuel Lasker ist einer der stärksten Geister, denen ich auf meinem Lebenswege begegnet bin»), zu seinem 60. Todestag am 11. Januar 2001 erinnert eine Internationale Konferenz unter dem Patronat des Bundesinnenministers Otto Schily und des polnischen Außenministers Wladislaw Bartoszewski an einen großen deutschen Intellektuellen: 1941 starb im New Yorker Exil mit 72 Jahren Emanuel Lasker, der als Mathematiker und Philosoph, als Dramatiker und Sozialwissenschaftler gleichermaßen rührig war. Max Oppenheimer hat ihn oftmals gemalt, Else Lasker-Schüler war seine Schwägerin, mit Max Planck spielte er Schach, und mit Einstein diskutierte er die Relativitätstheorie – es gibt fast nichts, woran Lasker sich nicht versucht hätte.

Foto: lasker-gesellschaft.de

Eigentlich hatte der promovierte Mathematiker Lasker Professor werden wollen. Aber der jüdische Individualist Lasker wäre an den Universitäten des Kaiserreiches ohnehin ein Außenseiter geblieben, und so konnte er sich dem Gebiet widmen, auf dem sein Genie am besten zum Tragen kam: Lasker war 27 Jahre lang Schachweltmeister, länger als jeder andere Spieler der Schachgeschichte und als einziger Deutscher auf dem Schachthron. Er ist einer der Wenigen, über die ernsthaft diskutiert werden muss, wenn man nach dem größten Spieler aller Zeiten fragt.

Lasker hat in seiner großen Zeit als Weltmeister seine Zeitgenossen um Längen überragt. Aber seine Größe liegt ebenso darin, dass er nach dem Verlust des Weltmeistertitels nach wie vor seine Gegner das Fürchten lehrte: noch als fast 70jähriger hat er erfolgreich mit den besten Spielern der nachfolgenden Generationen gerungen. Wie nebenbei war er auch im Go-Spiel ein Meister, und im Bridge brachte er es bis in die deutsche Nationalmannschaft. Das Dame-Spiel war ihm zu simpel, und um es spannender zu machen, erfand er kurzerhand sein eigenes Spiel und nannte es «Laska».

Emanuel Lasker
Emanuel Lasker
Fotos: web

Als Schachspieler ist Lasker eine Legende. Aber erst in der letzten Zeit beginnt man, sich auch um den Intellektuellen von Format zu kümmern. Als Philosoph ist er der Autor mehrerer Bücher, in denen er den amerikanischen Pragmatismus mit klassischen europäischen Ansätzen zu verbinden suchte. Als Theoretiker des Spiels entwarf er eine auf strategischen Überlegungen beruhende Theorie des Erfolgs, die er auch in der Politik anzuwenden versuchte. Ihr galt, als der jüdische Weltbürger aus seiner deutschen Heimat vertrieben wurde, das letzte große Werk des alten Mannes. 1940, als die Nazis auf der Höhe ihrer Macht standen, war Lasker felsenfest davon überzeugt, dass sich Demokratie und Menschenrechte durchsetzen müssen, denn nur sie entsprechen dem Fortschritt der Menschheit.

Philosophie des Kampfes

Laskers Politikverständnis folgte einer Philosophie des Kampfes, aber dieser Kampf sollte eine Auseinandersetzung der Ideen sein, in der nach friedlichen Regeln um den Weg zum Fortschritt gerungen wurde. Dies führte für Lasker letztlich zu einer internationalen Organisation der Staaten, bei der er sich an Kants Idee des «ewigen Friedens» anlehnte, zugleich aber auch die wenig später gegründeten Vereinten Nationen vorwegnahm.

Universeller Bezugsrahmen durch die Gedankenwelt des Schachs

Auseinandersetzung nach festen Spielregeln, die einen Rahmen vorgeben, der nach Belieben von menschlicher Kreativität ausgefüllt werden kann – es ist unverkennbar, dass Lasker die Politik und das menschliche Leben generell immer wieder vom Schach her verstand. Das führte gelegentlich zu Skurrilitäten, wenn Lasker etwa während des Ersten Weltkrieges die Manöver der Kriegsparteien analysiert, als handele es sich um die Stellung eines Schachspiels. Die feste Einbindung in die Gedankenwelt des Schachs gab ihm aber auch einen Bezugsrahmen, der es ihm ermöglichte, innerhalb des Regelwerkes der demokratischen Willensbildung die Auseinandersetzung politischer Interessen zu verstehen – und dies zu einer Zeit, als so viele europäische Intellektuelle den Verlockungen totalitärer Ideologien erlagen.

Vor Hitler geflüchtet und Stalins Sowjetunion verlassen

Lasker ist nicht nur vor Hitler geflüchtet, er hat nach einem kurzen Aufenthalt auch die schachversessene Sowjetunion Stalins wieder verlassen, obwohl er dort als weltberühmter Schachmeister ein willkommener Gast war. Statt dessen zog er die karge Freiheit in New York vor, und als er am 11. Januar 1941 dort starb, sollen sein letzten Worte gewesen sein: «König des Schachs».

Schachgroßmeister und Wissenschaftler treffen sich in Potsdam

In Berlin-Friedrichshain gibt es bereits eine nach Lasker benannte Schule, und eine Lasker-Gesellschaft wird an diesem Wochenende in Potsdam gegründet werden, wenn sich Schachgroßmeister und Wissenschaftler aus vielen Ländern und vielen Fächern treffen, um dem König des Schachs in einer ersten Tagung, die ausschließlich dem Werk Laskers gewidmet ist, nachzuspüren. Darunter ist auch Andor Lilienthal, der selbst noch als ganz blutjunger Meister 1935/36 in Moskau drei Turnierpartien mit Emanuel Lasker spielte. Heute ist der Ungar der älteste Großmeister der Welt – Lasker wäre mit dieser Wendung zufrieden.

«Emanuel Lasker ist einer der stärksten Geister, denen ich auf meinem Lebenswege begegnet bin»

Albert Einsteins Gratulation zum 60. Geburtstag Laskers 1928

«Emanuel Lasker ist einer der stärksten Geister, denen ich auf meinem Lebenswege begegnet bin. Renaissance-Mensch mit einem unbändigen Freiheitsdrang begabt, jeder sozialen Bindung abhold. So wurde er Schachmeister, wohl weniger aus besonderer hingebender Liebe zum Spiel. Letztere galt vielmehr der Philosophie, dem Verstehen überhaupt. Er liebt als echter Eigenbrödler und Eigenwilliger die Deduktion und steht der induktiven Forschung fremder gegenüber. Kein Wunder, es liegt ihm nicht, im Objekt den Richter über die Kinder seines Geistes zu sehen, sondern die Schönheit des Gedankens geht ihm über jene Wahrheit, die ihren Anspruch aus den Beobachtungen des Objektes ableitet. Der amor dei intellectualis ist sein einziger Gott, verkörpert in Mathematik und spekulativer Philosophie. Ich liebe seine Schriften unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt als die Früchte eines großen originalen und freien Geistes.»

 

aktualisiert: 5. Januar 2003