
|
Die Welt
Feuilleton
11.01.2001
Ein Philosoph auf dem Schachthron
Eine internationale Konferenz in Potsdam ehrt den bedeutenden deutschen Juden Emanuel Lasker
Von Michael Dreyer und Ulrich Sieg
"Emanuel Lasker ist einer der stärksten Geister, denen ich auf meinem Lebenswege
begegnet bin. Ich liebe seine Schriften als die Früchte eines großen originalen
und freien Geistes." So schrieb kein Geringerer als Albert Einstein zum 60. Geburtstag
Laskers 1928.
Man sollte eigentlich erwarten, dass der Adressat auch heute noch im allgemeinen
Bewusstsein präsent ist. Das ist jedoch bei Emanuel Lasker, der heute vor 60 Jahren
im New Yorker Exil starb, nur bedingt der Fall. Bekannt ist zwar der Schachspieler
Lasker, der 27 Jahre lang Weltmeister war, länger als jeder andere Spieler der
Schachgeschichte. Auch nach seiner 1921 beendeten Zeit auf dem Schachthron konnte
Lasker weitere spektakuläre Turniererfolge an seine Fahnen heften; noch als fast
70-Jähriger trat er erfolgreich gegen die besten Spieler der folgenden Generationen
an.
Doch dies ist nur eine Seite des vielseitigen Denkers und Gelehrten, den Einstein
im Auge hatte. Als Mathematiker hatte Lasker 1900 in Erlangen bei Max Noether
promoviert, dessen bedeutende Tochter Emmy dafür sorgte, dass der "Laskersche
Zerlegungssatz" in die Mathematik einging. Als Philosoph veröffentlichte Lasker
umfassende Monografien, als Spieltheoretiker lotete er die Eigenarten strategischen
Denkens aus, als Schriftsteller verfasste er zusammen mit seinem Bruder Bertold
(kurzzeitig der Ehemann von Else Lasker-Schüler) ein expressionistisches Drama,
als politischer Denker begleitete er kritisch seine Zeit und griff in seiner 1940
in New York erschienenen "Community of the Future" den Totalitarismus an. Allen
Zeitumständen zum Trotz hatte Lasker sein Vertrauen in die liberale Demokratie
und den gesellschaftlichen Fortschritt nicht verloren.
Lasker war ein geachtetes Mitglied verschiedener intellektueller Zirkel. Der
Maler Max Oppenheimer (MOPP) hat ihn mehrfach porträtiert, mit Einstein und Max
Planck traf er sich regelmäßig zu angeregten Diskussionen um Schach und um physikalische
Themen, von denen der Nebenfach-Physiker Lasker genug verstand, um sich mit Einstein
schon 1919 in eine öffentliche Auseinandersetzung zu Problemen der Relativitätstheorie
einzulassen. 1930 ist Lasker der einzige Schachspieler, der im "Reichshandbuch
der deutschen Gesellschaft" vertreten ist, und als Philosoph ist er in der Kant-Gesellschaft
aktiv, in die ihn Paul Natorp 1911 eingeführt hat.
Auch im deutschen Judentum spielt Lasker eine nachhaltige Rolle. Die Schachspalte,
die er vor dem Ersten Weltkrieg in der zionistischen Zeitschrift "Ost und West"
betreut, nutzt er auch zu allgemeinen Betrachtungen über die Rolle der Juden in
der deutschen Gesellschaft. Später hält er Vorträge an der Berliner Hochschule
für die Wissenschaft des Judentums, in denen er auch größere politische Aktivität
gegenüber antisemitischen Angriffen einfordert.
1933 emigriert Lasker aus dem sicher geglaubten deutschen Ruhestand. Die schachbegeisterte
Sowjetunion nimmt den Ex-Weltmeister mit großen Ehren (und einem entsprechenden
Ehrengehalt) auf. 1937 befinden sich Lasker und seine Frau Martha auf einer Reise
in den USA, als ihr Moskauer Gönner, der Justizminister und Vorsitzende des sowjetischen
Schachverbandes, Nikolai Krylenko, verhaftet und bald darauf im Gefolge der Stalinschen
Säuberungen erschossen wird. In New York verbringt Lasker seine letzten Lebensjahre
in materieller Not, aber existenzieller Freiheit. Mit schriftstellerischen Arbeiten
und Schachunterricht hält er sich im zweiten Exil über Wasser. Die Entscheidung
für Amerika fiel ihm wohl auch deshalb nicht schwer, weil Lasker schon vor dem
Ersten Weltkrieg einige Jahre in England und den USA gelebt hatte und somit, anders
als viele europäische Emigranten, mit der angelsächsischen Geisteswelt vertraut
war.
Vielleicht machte auch der erneuerte Kontakt mit Einstein und anderen Bekannten
der Berliner Zeit das amerikanische Exil für Lasker erträglicher. Der große Physiker,
selbst ein Geist von unbändiger Unabhängigkeit und großer Eigenheit, schätzte
diese Eigenschaften auch an Lasker. Die Freiheit des Denkens und die individualistische
Originalität der Laskerschen Wege hat Einstein auch da gewürdigt, wo er sie nicht
mitgehen konnte. Das war bei Laskers letztem Buchprojekt der Fall, für das dieser
vergebens auf eine Empfehlung von Einstein hoffte. Lasker hatte für die "Community
of the Future" nicht nur eine visionäre, am Rooseveltschen New Deal orientierte
Lösung des Problems der Arbeitslosigkeit vorgeschlagen, sondern auch die Auswanderung
der in Europa bedrohten Juden nach Alaska, das damals noch kein Staat, sondern
ein Territorium unter Verwaltung der Washingtoner Regierung war. Vielleicht war
es dieser Gedanke, den Einstein nicht unterstützen wollte. Später, ein Jahrzehnt
nach Laskers Tod, hat er sich wieder sehr freundlich über den einstigen Gefährten
und Kontrahenten geäußert.
Alles dies war lange fast vergessen, und erst in jüngster Zeit entwickelt sich
ein neues Interesse sowohl an der Person Laskers wie auch an den damit zusammenhängenden
kulturhistorischen Fragestellungen. An diesem Wochenende findet in Potsdam unter
der Schirmherrschaft des polnischen Außenministers Wladislaw Bartoszewski und
des Bundesinnenministers Otto Schily eine internationale Konferenz statt, bei
der nicht nur Laskers facettenreiches Schaffen untersucht, sondern auch eine internationale
Emanuel-Lasker-Gesellschaft gegründet wird. Das erste Projekt dieser Gesellschaft
wird die Rettung von Laskers Sommerhaus im brandenburgischen Thyrow sein. Dieses
vom Verfall bedrohte Haus soll in eine historische Begegnungsstätte umgewandelt
werden. Zugleich zeichnet sich hier eine grenzübergreifende Zusammenarbeit ab
- Laskers Geburtsort, das ehemalige Berlinchen, heißt heute Barlinek und befindet
sich in Polen. Der 60. Todestag ist zwar ein später Termin, um einen bedeutenden
deutsch-jüdischen Intellektuellen, dessen Leben die Tragödien des 20. Jahrhunderts
spiegelt, der Vergessenheit zu entreißen. Aber zu spät ist er nicht.
Die Autoren sind Herausgeber des Bandes "Emanuel Lasker - Schach, Philosophie,
Wissenschaft", der 2001 im Berliner Philo-Verlag erschienen ist.
|
|
|