Eine Liebe zu Lasker

 
 
 
Berliner Zeitung

Datum: 06.01.2001

Ressort: Magazin

Autor: Raj Tischbierek

Eine Liebe zu Lasker

Was haben der einzige deutsche Schachweltmeister und eine verhinderte Republikflucht miteinander zu tun?

Im Jahr 1968 half sich ein zwanzigjähriger Mann mit schachlicher Betätigung über eine Haftstrafe hinweg, die seinem Unwillen geschuldet war, weiter in der DDR leben zu wollen. Aufmerksam verfolgte der angehende Kulturwissenschaftler Paul Werner Wagner im Gefängnis die Artikelserie in einer Schachzeitschrift, im Vorfeld des Emanuel-Lasker-Gedenkturniers erschienen, das anlässlich des 100. Geburtstages des Meisters in Ost-Berlin ausgetragen werden sollte. Er studierte die Partien und den Lebensweg des Weltmeisters, dem er sich fortan verbunden fühlte. Nicht von ungefähr sollte sein Sohn später Emanuel heißen.

Die Nähe zum königlichen Spiel blieb auch nach Wagners Entlassung aus der Haft bestehen. Da es für eine eigene Karriere zu spät war, bemühte er sich um die Popularisierung des Denksports - unter sozialistischen Verhältnissen immer wieder erschwert durch sein unstetes Vorleben. Die Wirren der Wiedervereinigung trübten dann eine Zeit lang den Blick des heute 52-Jährigen für die 64 Felder, wirtschaftliche Unternehmungen blieben erfolglos. Erst dann fand er zu seiner alten Liebe zurück.

Im Juni vergangenen Jahres erfuhr Wagner durch Zufall davon, dass Laskers einstiges Sommerhaus in Thyrow, einem kleinen Dorf, unweit von Ludwigsfelde im Süden Berlins gelegen, zum Verkauf stand. Interesse lag nur im Ort selbst vor - das verfallene Gebäude sollte abgerissen und durch ein neues ersetzt werden. Wagner, der das Haus gern als eine Lasker-Gedächtnisstätte sehen würde, sprach mit Thyrows Bürgermeisterin Gertrud Klatt und erwirkte eine Gnadenfrist. Dann entwickelte er die Idee, eine Internationale Lasker-Konferenz zu veranstalten, die sich auch für die Erhaltung des Hauses einsetzen soll. In der Bundeszentrale für Politische Bildung fand er einen großzügigen Förderer des Projekts; interessiert zeigte sich auch - Lasker war bekennender Jude - das Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam. Vom 12. bis 14. Januar findet die Konferenz im Potsdamer Kulturhaus "Altes Rathaus" statt.

Wer war Emanuel Lasker? Am 24. 12. 1868 im heutigen polnischen Barlinek geboren, erlernt er mit zwölf Jahren erst spät die Regeln des Spiels, in dem er zum Meister reifen soll. Nur ungenügend dokumentiert ist bislang, wie er in weniger als zehn Jahren zu internationaler Klasse aufsteigen kann. 1891 unterbricht Lasker sein Mathematikstudium und lässt sich für vier Jahre in London nieder, wo er anlässlich der "Londoner Deutschen Ausstellung" eine Anstellung findet. Er gibt hier vor allem Simultanvorstellungen, die auch in seinem weiteren Leben eine der wichtigsten Einnahmequellen bilden werden. Bereits 1892 fühlt er sich stark genug, den führenden deutschen und damals vielleicht stärksten Spieler der Welt, Siegbert Tarrasch, zu einem Match herauszufordern. Doch Tarrasch lehnt mit einem Verweis auf die Unerfahrenheit seines potenziellen Gegners ab. Der Grundstein für eine lebenslange Feindschaft ist gelegt. Lasker aber besiegt jeden anderen Spieler, der sich auf ihn einlässt; 1894 in seinem ersten Weltmeisterschaftskampf auch den sich bereits über seinem Zenit befindlichen Wilhelm Steinitz. Ohne je an einem bedeutenden internationalen Turnier teilgenommen zu haben, ist Lasker Weltmeister. Die Legimatition holt er sich im ausklingenden neunzehnten Jahrhundert mit Siegen in Großturnieren zu St. Petersburg, Nürnberg, London und Paris. Alle außer Tarrasch sind von seiner Meisterschaft überzeugt.

Es folgt bis 1904 eine ungewöhnlich lange Pause auf höchstem schachlichen Niveau. Lasker versucht, sich mit einer mathematischen Professur - 1900 hat er in Erlangen promoviert - ein von seinen Zeitgenossen als seriös anerkanntes Standbein zu schaffen. Das Vorhaben scheitert. Kurze Zeit hat er in Manchester eine Stelle als Dozent für Mathematik. Doch der angestrebte Karrieresprung bleibt aus, obgleich 1905 sein mathematisches Hauptwerk "Zur Theorie der Moduln und Ideale" erscheint. 1904 nimmt Lasker seinen Wohnsitz für einige Jahre in New York; in den USA wird er vor dem Ersten Weltkrieg nach Kaiser Wilhelm II. der bekannteste Deutsche sein. Sein zweiter Versuch, sich mit "Laskers Chess Magazine" als Herausgeber einer Schachzeitschrift zu etablieren, bleibt dennoch geschäftlich ohne Erfolg.

Laskers neue Liebe - die Philosphie - ist Gegenstand seines 1907 erscheinenden Büchleins "Kampf", dem weitere folgen, am meisten beachtet darunter "Die Philosophie des Unvollendbar" (1919). Später wird sein Freund Albert Einstein anlässlich einer Laudatio zu Laskers 60. Geburtstag schreiben: "So wurde er Schachmeister, wohl weniger aus besonders hingebender Liebe zum Spiel. Letztere galt vielmehr der Philosophie, dem Verstehen überhaupt." Trotz seiner vielseitigen Begabungen, die Lasker zum Teil höher als seine schachlichen einschätzt, und trotz seiner Heirat mit der erfolgreichen jüdischen Schriftstellerin Martha Bamberger, die ihm vermehrt Zutritt zu Intellektuellenkreisen verschafft, bleibt er ein Außenseiter auf akademischem Gebiet. "Es ist bekannt", schreiben M. Dreyer und U. Sieg in der Zeitschrift Schach, 1/2001, "dass Goethe die Farbenlehre für sein wichtigstes Werk hielt, dass Caruso vor allem auf die gekonnten Karikaturen aus seiner Feder stolz war, dass Marcel Duchamp in der Umkehrung von Laskers Weg seine Kunst über Jahre hinweg zu Gunsten des Schachs vernachlässigte. Ist dies nur die Absonderlichkeit eines Genies, das seine eigentlichen Erfolge gering achtet, aber dafür auf dem Feld seines liebevoll gepflegten Dilettantismus der Eitelkeit freien Lauf lässt? Die Ernsthaftigkeit von Laskers wissenschaftlichen Ambitionen geht tiefer, und dies verpflichtet den heutigen Biografen, sie ähnlich ernst zu nehmen." Selbst die Mathematik und Philosphie bilden neben dem schachlichen nur einen Ausschnitt aus dem Laskerschen Schaffen, das daneben u.a. Abhandlungen über Kartenspiele (Lasker ist ein hervorragender Bridgespieler), ein Drama, eine Erzählung und auch politische Schriften umfasst.

1908 kommt es nach vielerlei Querelen endlich zum Aufeinandertreffen der beiden entgegengesetzten Schachauffassungen Laskers und Tarraschs. Wohl kein Schachwettkampf des vorigen Jahrhunderts, mit Ausnahme des Duells Fischer-Spasski, ist mit so viel Interesse erwartet worden. Besonders auf die finanziellen Aspekte legt Lasker - sein Vorgänger auf dem Thron, Wilhelm Steinitz, starb völlig verarmt - im Vorfeld großen Wert. Er geht davon aus, dass die Schachwelt für ein komfortables finanzielles Auskommen seiner größten Meister zu sorgen hat, eine Ansicht die die "Schachwelt" zumindest nicht in dem von Lasker geforderten Umfang teilt. Er überschätzt die Möglichkeiten, Schach populär zu machen bei weitem.

Lasker schlägt Tarrasch vernichtend, noch schlimmer wird es seinem großen Widersacher in einer Neuauflage 1916 ergehen. Weit mehr Mühe hat Lasker zwischenzeitlich mit dem Österreicher Carl Schlechter, dem er 1910 erst mit einem Sieg in der sagenumwobenen 10. Partie einen ausgeglichenen Punktestand abringen kann. Um dieses Match dreht sich das 1998 erschiene Buch Thomas Glavinics "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden".

Der Erste Weltkrieg legt alle schachlichen Aktivitäten weitgehend lahm, 1914 kann Lasker in St. Petersburg noch einmal den aufgehenden Stern am Schachhimmel, José Raúl Capablanca, niederhalten. Der 20 Jahre jüngere Kubaner zeigt sich ihm jedoch in einem Weltmeisterschaftskampf 1921 überlegen. Nach 27 Jahren muss Lasker den Titel abgeben; ein Rekord, dem ihm wohl niemand mehr nehmen wird. Laskers schachliche Karriere ist damit jedoch noch lange nicht beendet, unter anderen schlägt er 1924 in New York mit 56 Jahren noch einmal die gesamte Weltspitze, was ebenfalls unerreicht bleiben dürfte.

Die beiden Weltkriege zerrütten Laskers Finanzen; bei Machtübernahme der Nazis ist er 1933 über die Schweiz und die Niederlande in die Sowjetunion ausgewandert. In der angehenden Schachnation Nr. 1 erfreut er sich vieler Privilegien, aber als der große Förderer des königlichen Spiels, Nikolai Krylenko, 1938 den Stalinschen Säuberungsaktionen zum Opfer fällt, halten es Lasker und seine Frau für angeraten, nicht mehr von einer Reise in die USA zurückzukehren. Schmerzlich vermisst er die sein ganzes Leben lang vergebens angestrebte finanzielle Absicherung. Lasker stirbt am 11. Januar 1941 in New York.

Eine umfassende Schilderung der Persönlichkeit Laskers steht bislang noch aus. Nun versucht es der Philo Verlag Berlin gleich mit einem ganzen Autorenkollektiv: In dem anlässlich des Lasker-Kongresses in Potsdam erscheinenden Buch "Emanuel Lasker - Schach, Philosophie, Wissenschaft" bemühen sich sieben Autoren, den zahlreichen Facetten des Kosmopoliten gerecht zu werden. In Potsdam wird zu den Referenten mit dem bekanntesten deutschen Schachspieler Robert Hübner auch einer unserer kritischsten Zeitgenossen zählen. Und Viktor Kortschnoi spielt, wie Lasker einst so gerne, simultan.

Paul Werner Wagner, hat seine Pläne für die Zeit nach dem Kongress schon weiter gefasst: "In Berlin müsste ein richtiges Schachmuseum entstehen. Dass Haus in Thyrow ist dafür zu weit abgelegen und schließlich hat Lasker viele Jahre in Berlin gelebt. In diesem Museum könnte die größte private Schachbibliothek der Welt, die des Bamberger Verlegers Lothar Schmid eine angemessene Heimstatt finden. Und früher oder später sollte es auch möglich sein, dem ersten Lasker-Gedenkturnier 1968 in Berlin ein zweites folgen zu lassen, diesmal mit Weltklassebeteiligung."

Wer in Potsdam dabei sein will, kann sich unter www.lasker-gesellschaft.de informieren oder direkt mit dem Moses Mendelssohn Zentrum Kontakt aufnehmen (Tel.: 0331-2 80 94 12).

 

aktualisiert: 10. September 2002