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Erinnerungen an ein Genie
Die Emanuel Lasker Konferenz in Potsdam
Von Johannes Fischer
Emanuel
Lasker genießt einen beinahe legendären Ruf: nicht nur war 27 Jahre, und damit länger
als irgendein Schachspieler vor oder nach ihm, Weltmeister, sondern seine
zahlreichen Aktivitäten auf anderen Gebieten dienen gleichfalls als wunderbarer
Beweis, daß Schachspieler im Gegensatz zum weitverbreiteten Vorurteil
keineswegs Fachidioten sein müssen.
Allerdings
werden diese Aktivitäten in Darstellungen, die sich auf die Erfolge Laskers als
Schachspieler konzentrieren, kaum je kritisch gewürdigt. Zwar werden immer
wieder seine Freundschaft zu Albert Einstein, sein Doktortitel in Mathematik,
seine philosophischen Schriften und sein Schaffen als Dramatiker erwähnt, aber
eine genauere Betrachtung des Wertes dieser Seiten von Laskers Persönlichkeit
bleibt für gewöhnlich aus.
Auch bei der
schachlichen Würdigung Laskers ist man bislang über den stereotypen Verweis auf
Lasker als Begründer der psychologischen Spielweise nicht hinaus gekommen. Meist
wird noch auf seine Stärke in der Verteidigung schwieriger Stellungen, seine
Endspielkunst und seine nonchalante Art der Eröffnungsbehandlung hingewiesen.
Die Tatsache, daß Jacques Hannaks Lasker Biographie bis vor kurzem das einzige
umfangreichere Werk über Lasker war und dieses Buch zwar mitreißend
geschrieben, aber oft sehr ungenau und vor allem viel zu unkritisch ist, hat an
dem oben skizzierten Bild Laskers leider wenig geändert.
Die
anläßlich des 60. Todestages vom 12.-14. Januar in Potsdam stattfindende
Lasker-Konferenz hatte sich nun zum Ziel gesetzt, ein differenzierteres Bild zu
formen und vor allem auf die kulturhistorischen Hintergründe dieser
faszinierenden Person näher einzugehen. Motor und Organisator der Veranstaltung
war Paul Werner Wagner, seines Zeichens Kulturmanager und bekennender
Lasker-Fan. Ihm war das Kunststück geglückt, für diese besondere Art der
Schachveranstaltung nicht nur eine illustre Reihe von Sponsoren wie das Moses
Mendelssohn Zentrum in Berlin und die Bundeszentrale für Politische Bildung zu gewinnen,
sondern das Ganze auch zu einem Medienereignis zu machen, das in zahlreichen
Tages- und Wochenzeitungen erwähnt wurde.
Und wo die
Medien sind, ist auch die Prominenz: nicht nur Manfred Stolpe und Otto Schily, sondern
auch eine ganze Menge von prominenten Schachspielern wie Robert Hübner, Viktor
Kortschnoi, André Lilienthal, Wolfgang Unzicker, Helmut Pfleger, Wolfgang
Uhlmann, Juri Awerbach und Lothar Schmid, um nur die bekanntesten zu nennen, erinnerten
durch Vorträge oder auch nur Präsenz an Lasker. Auch die Besucherzahl war
verblüffend hoch und, wie die lebhaften Diskussionen nach etlichen der Vorträge
zeigten, waren sehr viele der Besucher erstaunlich gut informiert.
Ich selbst
war mit einer gehörigen Portion Skepsis zu dieser Konferenz angereist: mir war
nicht ganz klar, wie man ein Programm von drei Tagen mit interessanten Vorträgen
über Lasker füllen konnte. Immerhin hatte ich mich gut vorbereitet: die
Möglichkeiten der Deutschen Bücherei in Leipzig nutzend, hatte ich mir einige
der im Allgemeinen schwer zugänglichen Werke Laskers besorgt und vor Beginn der
Konferenz das eine oder andere gelesen. Allerdings verstärkte dies meine
Skepsis eher und Lasker erschien mir zunehmend als Typus, der mir nicht gerade
sympathisch ist: der Intellektuelle, der dank seiner Errungenschaften auf einem
bestimmten Gebiet meint, er wüßte über alles und jedes Bescheid und der leider
auch kaum Hemmungen hat, dies seiner Umwelt überdeutlich klar zu machen.
Dennoch - trotz
meiner Bedenken. die leider durchaus ihre Berechtigung hatten, habe ich diese
Konferenz sehr genossen, nicht zuletzt deshalb, weil bei aller Bewunderung tatsächlich
ein differenziertes und kritisches Bild Laskers gezeichnet wurde und endlich
einmal wurden seine Errungenschaften außerhalb des Schachs nicht nur gelobt,
sondern auch kritisch betrachtet. Und in der Tat sind Laskers Beiträge auf
Gebieten außerhalb des Schachs bei allen Einschränkungen beträchtlich: als
Mathematiker entwickelte er Theorien, die später von Emmy Noether, der Tochter
seines Doktorvaters und einer der ersten Frauen, die an einer deutschen
Universität lehrten, aufgegriffen und zu einem der theoretischen Eckpfeiler der
modernen Algebra ausgebaut werden sollten. Als Philosoph schrieb er eine Reihe
von Büchern, die zwar von der Kritik und von der akademischen Zunft weitgehend
ignoriert wurden, die aber trotz aller Schwächen und trotz aller Eigenheiten
des philosophischen Autodidakten dennoch eine Reihe interessanter Gedanken
enthalten insbesondere, wenn man sie wieder auf das Gebiet anwendet, auf dem Laskers
Errungenschaften tatsächlich über jeden Zweifel erhaben sind: dem Schach.
Denn Lasker
stützte fast seine gesamte Philosophie auf Erkenntnisse, die er beim Schach
gewonnen hatte. Wenig überraschend ist dann auch der Kampf das zentrale Thema
seiner philosophischen Überlegungen. Allerdings wird Kampf von Lasker dabei
weit allgemeiner gefaßt als gemeinhin üblich: er meint damit im Prinzip alle
Arten der Auseinandersetzungen, d.h. sowohl die zwischen einen oder mehreren
Gegnern als auch die zwischen einem Einzelnen und einem (schöpferischen)
Problem.
Wie Ulrich
Sieg, zusammen mit Michael Dreyer einer der Herausgeber des kürzlich im
Philo-Verlag erschienenen und sehr lesenswerten Bandes Emanuel Lasker: Schach, Philosophie, Wissenschaft, in seinem
Vortrag über Laskers Philosophie hervorhob, könnte es lohnend sein, Laskers
Philosophie wieder auf das Schach anzuwenden.
Auch als
politischer Kommentator hat sich Lasker versucht: neben einer Vielzahl
kleinerer Artikel, die sich meist auf aktuelle politische Ereignisse bezogen,
hat er kurz vor seinem Tod noch eine Schrift mit dem Titel The Community of the Future
veröffentlicht, in der er u.a. seine
Gedanken über das Problem der Arbeitslosigkeit und den Antisemitismus darlegte.
Auch in dieser Schrift zeigt sich ein Grundzug Laskers: neben einem
unerschütterlichen Selbstvertrauen in die Kraft seiner Gedanken ist ein ebenso
großer Glauben an Fortschritt und Vernunft in seinen Schriften spürbar. Von den
Gedanken der Moderne, die stark von den Erschütterungen des Ersten Weltkrieges
und der Weltwirtschaftskrise geprägt sind, fehlt bei ihm indes jede Spur. Auch
Einflüsse des Gedankenguts der Psychologie und der Psychoanalyse sucht man bei
ihm vergebens.
Mithin muten
auch manche von Laskers Gedanken und Vorschlägen heutzutage kurios an. Aber, wie
Michael Dreyer in seinem Vortrag über Lasker als politischen Denker hervorhob,
sollte er nicht mit politischen Theoretikern sondern eher mit den
Intellektuellen seiner Zeit verglichen werden, die sich zu politischen Themen
und Ereignissen äußerten und da schneidet er nicht einmal schlecht ab.
Als
Dramatiker hingegen ist Lasker zu Recht vergessen. Sein zusammen mit Bruder
Bertold, der eine Zeit mit der bekannten Lyrikerin Else Lasker-Schüler
verheiratet war, verfaßtes Drama Vom
Menschen die Geschichte blieb dann auch der einzige Versuch in diese
Richtung. Das Drama selbst ist heute nicht nur schwer auffindbar (in der
Deutschen Bücherei in Leipzig ist allerdings eine der seltenen Kopien), sondern
wirkt in seiner Gedankenschwere und seiner gestelzten Sprache hauptsächlich
unfreiwillig komisch.
Eins machten
aber die in Qualität und Relevanz durchaus unterschiedlichen Beiträge der
Konferenz deutlich: Laskers ureigenste Domäne war das Schachspiel trotz der
äußerst ambivalenten Einstellung, die er selbst dazu hatte: Zeit seines Lebens
wollte er mehr sein aber dennoch verdankte er seine finanzielle Unabhängigkeit und
seinen Ruhm vor allem seinen Erfolgen als Schachspieler.
Allerdings
bedarf es bei einer Einschätzung seines schachlichen Erbes vermutlich ebenfalls
einer Neubewertung, wie Dr. Hübner in einem Vortrag über die mangelnde Substanz
der These von Lasker als psychologischem Spieler darlegte. Dieser Vortrag war
tatsächlich einer der Höhepunkte der Konferenz wenngleich Hübner in der
anschließenden Diskussion leider allen ernsthaften Nachfragen mit
sarkastisch-bissigem Humor aus dem Wege ging. (Für alle Interessierten: der
gesamte Vortrag ist im Wortlaut in der März-Ausgabe der Zeitschrift Schach abgedruckt.)
Insgesamt
gesehen war die Konferenz ein voller Erfolg und die Stimmung war gut: fast zu
gut: im Nachhinein betrachtet, erscheint es mir fast so, als ob viele der
Vorträge von dieser Woge allgemeinen Wohlgefühls getragen und ihre inhaltlichen
Mängel kaum offenbart wurden. Andererseits ist mir durch meine Teilnahme an
zahlreichen akademischen Konferenzen durchaus bewußt, daß kaum eine Konferenz
das Glück hat, durchweg mit begabten Rednern und inhaltsreichen Vorträgen
gesegnet zu sein und warum sollte die Lasker-Konferenz hier eine Ausnahme bilden?
Allerdings
und dies ist meines Erachtens ein Zeichen einer gelungenen und ernsthaften
Auseinandersetzung mit einem Thema wurden auf der Lasker Konferenz mindestens
ebenso viele Fragen aufgeworfen wie beantwortet. So erscheint beispielsweise eine
Neubewertung von Laskers schachlichem Erbe ebenso interessant zu sein wie der
Umgang mit der Person Laskers in der Nazizeit und in der Geschichte des
deutschen Schachs. Oder man könnte die Philosophie Laskers endlich einmal Ernst
nehmen und versuchen, sie auf das moderne Schach anzuwenden und Phänomenen
sportlicher und geistiger Auseinandersetzung nachgehen.
Vielleicht
werden diese Fragen ja in ähnlichen Konferenzen und Veranstaltungen weiter
geklärt. Hoffnung dazu besteht: schließlich wurde während dieser Konferenz die
Emanuel Lasker Gesellschaft (weitere Informationen im Internet unter
www.lasker-gesellschaft.de)
ins Leben gerufen, die sich die Pflege des geistigen Erbes Laskers zum Ziel
gesetzt hat. Die Konferenz in Potsdam läßt auf einen Erfolg dieses Vorhabens
hoffen.
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