Treffen am 29. Januar 2002

 
 
 

Vom Rumoren im Weltschach

Schachjournalist Dirk Poldauf berichtete über
Begegnungen in der Schachszene


Von Harald Fietz - Fotos von Andreas Saremba

Auch im Jahr 2002 setzt die Lasker-Gesellschaft ihre monatlichen Treffen mit bekannten Gästen und Referenten fort. Am 29. Januar schaute Dirk Poldauf von der Monatszeitschrift „Schach“ vorbei. Erst am Vorabend vom ersten Top-Turnier des Jahres aus Wijk aan Zee zurückgekehrt - und im Vormonat vor Ort bei der FIDE-WM in Moskau -, konnte er Bericht erstatten über die Highlights und Abstürze der Wettstreite der Schachelite. In lockerem Plauderton und mit unmittelbaren Antworten auf die regen Zwischenfragen zeichnete der Bundesligaspieler der Schachfreunde Neukölln die Turnierverläufe nach und charakterisierte Stärken und Schwächen der Spitzenspieler. Kleine Episoden vervollständigten den facettenreichen Blick vor und hinter die Kulissen.

Dirk Poldauf

Durch den FIDE-Knockout-Marathon haben sich mit Wassili Iwantschuk und Rustem Ponomarjow zwei Ukrainer den Weg ins Finale gebahnt. Dabei profitierte der erst 18 Jahre junge Ponomarjow von seinen starken Nerven in Zeitnotphasen. Der Titelgewinn stellt für ihn den Höhepunkt einer enormen Leistungsexplosion dar. Beim Mannschaftseuropacup in Panormo auf Kreta, beim Präsidentencup in seiner Heimatstadt Kramatorsk und bei der Mannschaftsweltmeisterschaft im armenischen Jerewan stieg seine Formkurve an, um im Moskauer Finale den höchsten Punkt zu erreichen. Neben allen schachlichen Fertigkeiten ist es vor allem seine psychische Stabilität, die ihn seelenruhig Siege jeder Art einfahren lässt - gleich ob Kombinationswirbel oder trockenes Endspiel. Doch auch die Anspannung muss mal raus, wie der Schachreporter berichtete. Nach einem entscheidenden Sieg im Dezember beobachtete er, wie dem schmächtigen Jugendlichen in den Wandelhallen des Kreml die geballte Faust und ein Jubelschrei entfuhr - allerdings erst in einem Moment, in dem er sich unbeobachtet wähnte. Finalgegner Iwantschuk kam offensichtlich nicht mit dem neuen Zeitregime klar und „verhaute“ die gewinnträchtigen Stellungen reihenweise. Ihm gehören die Sympathien, aber der Titel ging an den Landsmann.

In Wijk aan Zee traten nur drei Spieler der aktuellen Top-Ten an, aber - wie andere Beobachter auch - teilt Dirk Poldauf die Meinung, dass dies nicht zum Niveauverlust führte. Spannende Kämpfe in allen Runden und der teilweise glückliche Entspurt von Jewgeni Barejew faszinierten alle Schachfans. Mit einem Resultat a la Kasparow gewann der Moskauer, obwohl auch Shooting-Star Alexander Grischuk den Sieg verdient hätte. Sein Potenzial ist nach Ansicht von Dirk Poldauf noch längst nicht ausgeschöpft.

Wenig ausschöpfen konnte in den letzten Monaten Garri Kasparow. Beim Botwinnik-Memorial im Dezember in Moskau lieferten er und Braingames-Weltmeister Wladimir Kramnik nur dürftige Kost ab. Kaum Zuschauer und Kopfschütteln unter Experten. Häme gab es auch für Ex-Weltmeister Anatoli Karpow, der das Treffen der drei großen „K“ kurzerhand boykottiert. Sein Entschluss, den Lorbeer aus dem fernen Indien zurück in die russische Heimat zu bringen, endete im Fiasko - Runde eins bedeutete Endstation gegen einen wenig bekannten Chinesen.

Neben den Aufs und Abs auf den Brettern sorgt derzeit die neue Bedenkzeitregelung für heftigen Diskussionsstoff: Viele brandmarken das Absenken der Zeitressourcen, viele wollen sich allerdings nicht das finanzielle Stück vom Geldkuchen entgehen lassen. Einhellig der Tenor, dass die Qualität der Partien leidet, aber wenig Solidarität, sich dem Treiben um FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow entgegen zu stellen. Eindrücklich schilderte der Berichterstatter seine Sympathie für den Kampfgeist des Weltranglistenersten (z.B. die der Schlussrunde letzten Sommer in Astana, wo er Wladimir Kramnik in der berüchtigten Berliner Verteidigung in die Schranken verwies), doch natürlich weiß er auch um die Ränkespiele des elostärksten Spielers, der vielleicht nie mehr die Chance haben wird, irgendwo um einen Titel spielen zu können. Spielstärke auf dem Brett bedeutet eben nicht immer, die besten Züge im Leben finden zu können. Kasparow bleibt aber der Turnierkönig. Linares 2002 wird es vielleicht erneut zeigten. Und auch dort wird Dirk Poldauf live dabei sein. Die Lasker-Gemeinde applaudierte diesem Vortrag und harrt dem nächsten Einblick in das Reich der Spitzenkönner. Das Lasker-Gesellschaft-Mitglied Ludwig Wissell vervollständigte die Impressionen aus dem kleinen Nordsee-Ort bei Amsterdam. Seit 30 Jahren pilgert er dorthin. Jeder, der einmal bei einem der traditionsreichen niederländischen Turniere war, weiß es zu schätzen, dass hier Top-Star und Amateur einträchtig nebeneinander Schach zelebrieren.

Wer zusätzlichen Informationsbedarf über die Entwicklungen im Weltschach haben will, kann sich im Internet in der Rubrik von Neu-Mitglied Harald Fietz (http://www.rochadekuppenheim.de/figo/kampf.htm) umtun oder in Schachmagazin 64, Nr. 3 nachblättern. Wohl kein Schachjournalist konnte sich nach den bewegten Ereignissen um eine Bilanz drücken.

Dirk Poldauf

Im weiteren Verlauf des Abends erstatten Paul Werner Wagner und Susanna Poldauf Bericht über die jüngsten Aktivitäten der Lasker-Gesellschaft. Erfreulicherweise ist die Mitgliederzahl auf 73 gestiegen. Andreas Saremba offerierte die Möglichkeit, aktiv am Aufbau des virtuellen Lasker-Museum auf der Homepage der Gesellschaft mitzuwirken (Kontakt: andreas.saremba@lasker-gesellschaft.de).

Erfreulich auch die Perspektiven für das erste Halbjahr. Architekt Christian Wohlfarth arbeitet am Finanzierungsplan für die Lasker-Gedenkstätte in Thyrow. Das politische Lobbying konnte im Dezember in einem zweistündigen Treffen mit Prof. Johanna Wanka, der Ministerin für Kultur des Landes Brandenburg, gestärkt werden; auf dem DSB-Jubiläum zum 125. Jahrestag Anfang Mai in Leipzig wird dem Vorsitzenden der Lasker-Gesellschaft die Gelegenheit geboten, vor den Delegierten eine Präsentation der Gesellschaft und ihrer Aktivität rund um den Sommersitz des einzigen deutschen Weltmeisters zu geben. Flankiert wird dieser Redebeitrag durch eine Ausstellung mit Schautafeln zum Projekt, welches durch weitere Spenden und Sponsoring zu einem guten Abschluss gebracht werden kann.

Mit vielen vertiefenden Gesprächen fand erneut ein kurzweiliger Abend im Künstlerclub „Die Möwe“ in der ersten Etage des Palais am Festungsgraben in Berlin-Mitte, Unter den Linden (hinter der Neuen Wache), seinen Abschluss. Die Mitglieder können sich auf die nächsten Zusammentreffen bei den Veranstaltungen mit Dr. Michael Dreyer in Februar und Rudolf Teschner im März freuen; Interessierte aus dem Großraum Berlin und Berlin-Besucher sind herzlich willkommen, die Veranstaltungen am 19. Februar und 19. März (jeweils ab 19 Uhr) zu besuchen.

 

aktualisiert: 17. September 2008