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Am Puls der Schachhistorie
Ehrengroßmeister Rudolf Teschner spannte Gedanken über sieben Jahrzehnte
Von Harald Fietz - Fotos von Andreas Saremba
Der Sieg war immer wichtig im Schachleben von Rudolf Teschner. Der Jubilar
vollendete am 16. Februar sein 80. Lebensjahr und doch ist er ein höchst lebhaft-eloquenter
Zeitzeuge. Der Monatstreff der Emanuel-Lasker-Gesellschaft am 19. März in Berlin-Mitte
ermöglichte den seltenen Fall einer Oral-History-Begegnung, die Details und Nuancen
scheinbar längst vergangener Schachjahre barg.
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Begonnen hatte alles in Berlin um 1933 mit der Magie eines Figurensets in
einem Steglitzer Geschäft. Der Klassiker der Zeit, Das Schachspiel
von Siegbert Tarrasch, befriedigte zunächst den Drang nach Schachwissen. Es waren
die textlichen Erklärungen, die für die ersten Gehversuche nützliche Ratschläge
enthielten (z.B. Türme gehören hinter die Freibauern.). Schon 1938
gewann der 16-Jährige das Vorturnier zur Berliner Meisterschaft. Im Jahr der Reichskristallnacht
musste man aber bereits vorsichtig sein, welche Schachlektüre gelesen wurde. Doch
der Schachclub in Friedenau hatte einen Schrank, in dem auch die Werke Laskers
und anderer jüdischer Autoren aufgeschlossen wurden. Sein Ideale des Kampfes und
des Verlangens nach dem Sieg wurden prägend. Für den aufstrebenden Jugendlichen,
der zum Entsetzen der betagteren Clubmitglieder im Schachclub Schallopp öfters
in kurzen Hosen in den Verein kam, bot daneben die Leichtathletik - insbesondere
der Fünfkampf - Gelegenheit, körperliche Fitness für längere Turniere aufzubauen.
Ein arrivierter Meister, Fritz Sämisch, hielt auch in seinem vierten Lebensjahrzehnt
nichts davon. Bei der Berliner Meisterschaft 1939 fiel er nur als Kettenraucher
auf - und natürlich durch den schier endlosen Zeitverbrauch in Eröffnungsphasen.
Sein Platz in der Eröffnungstheorie wird aber auf ewig bleiben, wie Teschner würdigend
anmerkte.
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Aus der Deutschen Schachzeitung vom Dezember 1951
Die Zeit nach dem Krieg war eine schwierige, aber auch schöne Phase. Auf Initiative
von Hermann Gulweida, dem Vorsitzenden des SK Tempelhof, überzeugte man den De-Gruyter-Verlag,
die Deutsche Schachzeitung wieder zu beleben. Dies bedeutete über
zwei Jahrzehnte gesunden Stress bei Turnierteilnahmen, denn es galt,
während des Wettbewerbs den Bericht für die nächste Ausgabe zu erledigen. National
wurde Teschner 1948 Ost-Zonen-Meister (damals die offizielle Bezeichnung - später
ein Schimpfwort) und 1951 gewann er die gesamtdeutsche Meisterschaft in einem
Marathon-Turnier mit 21 Runden. International stellten die Schacholympiaden Höhepunkte
dar und insbesondere das Turnier von Hastings 1953/54, welches für den West-Berliner
rückblickend sein schönstes Turnier war. Ein prickelndes Erlebnis
in politisch angespannten Zeiten. Anlässlich des Amtsantritts von Elizabeth II
rief man das Traditionsturnier zum Krönungskongress aus. Der sowjetische
Botschafter Malik machte ein besonderes Geschenk - die Teilnahme von David Bronstein
und Alexander Tolusch. Lokalmatador Conel Hugh O’Donel Alexander fegte in der
Schlussrunde Tolusch in 28 Zügen vom Brett und setzte den punktgleichen Bronstein
unter Druck. Dieser hatte gegen Teschner erst zwei, dann einen Bauern weniger
und wollte sich mit einem Remisangebot nach der Zeitkontrolle in sein Schicksal
fügen. Doch Feigheit entsprach nicht der Kämpfernatur des Deutschen. Bis eine
Minute vor Mitternacht tobte der Kampf und das Blatt wendete sich noch zu Gunsten
des WM-Herausforderers von 1950. Der englische Sportsmann eilte als erster Gratulant
zum gemeinsamen Turniersieg herbei.
Bronstein,D - Teschner,R [C77]
Hastings 1953/54
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.d3 d6 6.c3 Le7 7.0-0 0-0 8.De2 Sd7 9.d4
Lf6 10.Le3 b5 11.Lc2 Sb6 12.Sbd2 Lg4 13.d5 Se7 14.Tfd1 Sg6 15.h3 Ld7 16.Sf1 Sh4
17.S1d2 Tb8 18.b3 Sg6 19.Dd3 Le7 20.a4 bxa4 21.bxa4 a5 22.c4 f5 23.c5 dxc5 24.Dc3
Kh8 25.Lxc5 Ld6 26.Le3 fxe4 27.Lxe4 Sxa4 28.Dc2 Tb2 29.Dc1 Sf4 30.Te1 Tb4 31.Sc4
Lb5 32.Scd2 Sb2 33.Dc2 Ld3 34.Lxd3 Sbxd3 35.Teb1 Txb1+ 36.Txb1 Sb4 37.Dc4 Sbxd5
38.Se4 h6 39.g3 Sxe3 40.fxe3 Sg6 41.Tf1 Dd7 42.Kh2 a4 43.h4 Tb8 44.h5 Tb2+ 45.Sfd2
Sf8 46.Kg1 Se6 47.Sf3 Tb4 48.Dd5 Tb5 49.Da8+ Dc8 50.Dxa4 Tb4 51.Dc2 Da8 52.Sxd6
cxd6 53.Sh4 Te4 54.Sg6+ Kh7 55.Db1 d5 56.Db6 Sg5 57.Sf8+ Kg8 58.Sg6 Tg4 59.Da7
Txg3+ 60.Kh2 Th3+ 61.Kg2 De8 62.Tb1 Sf7 63.Tb8 Sd8 64.Kxh3 De6+ 65.Kg3 Df6 66.De7
Dxe7 67.Sxe7+ Kf8 68.Txd8+ 1-0
Bronstein war schon in jenen Jahren ein Visionär, der Teschner bereits auf
der Olympiade in Moskau 1956 die Zukunft von 30-Minuten-Partien ausmalte. Ein
anderer Titan der Zeit, Paul Keres, bestach bei diesem Nationenwettstreit nicht
nur auf dem Brett. Obwohl er sechs Jahre älter als Teschner war, gewann er mehrere
Tennismatchs gegen den Westdeutschen. In der Metropole des Sowjetreichs war es
für einen der führenden Großmeister kein Problem, nebenbei die Ausrichtung des
bourgeoisen Sports gewährt zu bekommen. Trotzdem fühlte sich der materiell abgesicherte
Este nie völlig heimisch im Vielvölkerstaat.
Geistig Enge kannte Bobby Fischer nicht als Einschränkung; doch die Enttäuschung
über das Remis gegen den Außenseiter Teschner beim Interzonenturnier 1962 war
offensichtlich. Gegen die geschickten Vereinfachungsmanövern hatte er zum Turnierauftakt
nichts parat.
Teschner,R - Fischer,R [E92]
Stockholm 1962
1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 0-0 5.Sf3 d6 6.Le2 e5 7.dxe5 dxe5 8.Dxd8 Txd8
9.Lg5 Te8 10.Sd5 Sxd5 11.cxd5 c6 12.Lc4 cxd5 13.Lxd5 Sd7 14.Tc1 h6 15.Le3 Sf6
16.Lb3 Sxe4 17.Tc7 Le6 18.Lxe6 Txe6 19.Txb7 Ta6 20.a3 Sd6 21.Tb4 Tc6 22.0-0 f5
23.g3 g5 24.Td1 a5 25.Ta4 Sc4 26.Tc1 Sxb2 27.Txc6 Sxa4 28.h4 f4 29.Ld2 e4 30.Se1
fxg3 31.Tc4 gxf2+ 32.Kxf2 e3+ 33.Kxe3 Sb6 34.Te4 Sd5+ 35.Ke2 Sf6 36.Ta4 gxh4 37.Txh4
Kh7 38.Ta4 Te8+ 39.Kf3 Sd7 40.Txa5 Se5+ 41.Kf2 ½-½
Ich hatte das Glück, gleich in der ersten Runde gegen ihn zu spielen.
Da wusste er noch nicht, wie schwach ich war, resümiert der Weißspieler
heute süffisant. Der Amerikaner sah das damals ein wenig verbissener: Du
hast mich begaunert. Aber dieser Dämpfer hinderte ihn nicht, aus den restlichen
21 Partien gewaltige 17 Punkte zu holen.
Teschner feierte 1968 mit dem vierten Platz in Bamberg, wo er zusammen mit
dem Spanier Roman Toran beim Mitkonkurrenten und Karl-May-Verleger Lothar Schmid
wohnte (!), sein bestes internationales Ergebnis und hielt bis 1969, dem Todesjahr
seines langjährigen Mitarbeiters Kurt Richter, die Deutsche Schachzeitung auf
stetem Niveau. Danach war er bis zum Einstellen der Zeitung 1989 allein in der
Berliner Redaktion. Am hochgewachsenen Meister aus Ost-Berlin schätzte der gebürtige
Potsdamer die Fähigkeit, mit prägnanten Erklärungen, die Gedanken dahinter
aufzuspüren. Er verstand es zudem, das humanistische Gut Goethes und Schillers
einzuflechten, war im richtigen Leben aber nie abgeneigt, das nächste Wettbüro
aufzusuchen, um auf Pferde zu setzen - insbesondere bei Rennen auf der Bahn in
seinem Stadtteil Karlshorst. Ex-Fernschachweltmeister Fritz Baumbach konnte nicht
nur einwerfen, dass er just am Ort des Lasker-Treffs, den Palais am Festungsgraben
hinter der Neuen Wache, 1961 eine Turnierpartie gegen Richter gewann, sondern
diesen auch einige Mal in Karlshorst besuchte. Der Junggeselle, der bei seiner
Mutter lebte, schütze zwar bei der Ankunft vor, nur wenig Zeit zu haben; tatsächlich
hatte der spätere DDR-Meister von 1970 dann aber Mühe, wieder nach Hause gelassen
zu werden. Ein weiteres Lasker-Gesellschaft-Mitglied, Ludwig Wissell, wusste von
einem schachbesessenen Neuköllner Zahnarzt zu berichten, der mit Vorliebe Blitzpartien
gegen Richter austrug - sehr zu Leidwesen der Zahnarzthelferin und anderer Patienten.
Raus, das ist ein Notfall!, hörte man nicht selten als Ausruf.
Erfolg beschied Teschner auch das Bücherschreiben - insbesondere die 140.000-Auflage
der Schule des Schachs in 40 Stunden. Wenig bekannt ist, dass diese
Mischung von elementaren Lehrbeispielen und Einführung in unterschiedliche Schachphilosophien
ursprünglich fast ein Jahr lang als Serie in einem Wochenblatt mit dem Namen Selbst
ist der Mann erschien. Treffender lässt sich das Lebensmotto des rüstigen
Altmeisters nicht zusammenfassen. Er schätzt zwar inzwischen gelegentlich den
Computerfreund Fritz, aber bei längeren Partien überkommt ihn gegen
das immer frische Elektronenhirn bisweilen die Müdigkeit. Für Abwechslung sorgt
da immer noch das Buch aus der Jugend. Den Tarrasch-Klassiker redigiert er gerade
neu. Der Praeceptor Germaniae hatte die Angewohnheit, Abspiele ohne
Zugzahlen zu präsentieren. Hier wird Ende 2002 bei der Edition Olms eine verbesserte
Auflage erscheinen. Doch heute wie vor 70 Jahren wird selbst bei intensivstem
Studium eine Feststellung gelten, die Rudolf Teschner schon früh in seiner Schachkarriere
machte: Fehler sind fast unvermeidbar im Schach. Wie meinte allerdings
der Millionär am Ende von Manche mögen’s heiß
zum als Frau verkleideten Tony Curtis: Nobody is perfect!
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Herzlichen Applaus und einen Blumenglückwunsch gab es am Ende der spannenden
Erzählungen. Eine gute Nachricht hatte der Vorsitzende der Lasker-Gesellschaft,
Paul Werner Wagner, bereits zu Beginn des Abends verkündet. Nach einem Gespräch
bei der Kulturstiftung der Länder besteht die Möglichkeit, eine großformatige
Vierfarbbroschüre über das Lasker-Haus zu produzieren. Die Druckkosten werden
übernommen. In Kooperation mit Architekt Christian Wohlfarth soll das Vorhaben
demnächst angegangen werden. Es ist an eine zweisprachige Ausgabe in Deutsch-Englisch
gedacht. Außerdem gab es die erfreuliche Mitteilung, dass das Mitglied Dr. Thomas
Thomsen zehn Originalbände von Lasker-Büchern für die Bibliothek der Gesellschaft
gespendet hat. Der nächste Lasker-Treff findet diesmal an einem Freitag statt.
Veranstaltungsort ist wiederum der Künstlerclub Die Möwe in der ersten
Etage des Palais am Festungsgraben in Berlin-Mitte, Unter den Linden (hinter der
Neuen Wache). Am 19. April wird Fritz Baumbach über Erfahrungen und Perspektiven
im Fernschach sprechen. Angesichts der ewigen Debatte um Computer
in Fernschach ein brisantes Thema, welches der ehemalige Fernschachweltmeister
sicher mit der ihm eigenen Kompetenz ausfüllen wird. Auch Nicht-Mitglieder sind
herzlich willkommen.
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