Treffen am 24. Mai 2002

 
 
 

Lasker ohne Vorurteile

Rainer Knaak resümiert neue Erkenntnisse zur Schachpraxis
des zweiten Schachweltmeisters


Von Harald Fietz

Häufig verhärten sich mit der Zeit Vorurteile. Je weiter der historische Abstand, desto verklärter das Bild einer Persönlichkeit. Für Schach mag das auch gelten; das Erbe von vielen tausend Zügen lässt sich aber problemlos im Spiegel heutigen Wissens prüfen. Genau dies hat ein Team von Schachexperten unter der Regie von Rainer Knaak für die Firma ChessBase am Anfang des 21. Jahrhunderts zum Schachwerk Emanuel Laskers getan. Herausgekommen ist eine interaktive Monographie, welche facettenreich Stärken und Schwächen seiner Schachkämpfe und seiner Spielphilosophie beleuchtet.

Rainer Knaak
Großmeister Rainer Knaak, ein kundiger Mittelsmann der Lasker-Schachpraxis.
Foto: Archiv Harald Fietz

Auf dem Mai-Treffen der Lasker-Gesellschaft bestand die Gelegenheit, sich aus erster Hand über das Konzept und die Resultate der schachtechnischen Untersuchung zu informieren. Der Leipziger Großmeister – selbst Mitglied der Gesellschaft – gab Einblicke in neue Einsichten. Gleich zu Beginn, folgte die Bilanz, dass - mit Berufung auf die Autorität Robert Hübner - der „Fall“ Lasker erst am Anfang einer Lösung steht. Doch ist man auf dem Weg der Spurensuche eine erhebliche Strecke vorangekommen. Sicher ist ein Vorteil der multimedialen Bearbeitung, dass Suchfunktionen (z.B. Eröffnungscheck), Motivvergleiche (z.B. von Bauernstrukturen) und unterschiedlichen Computerprogramme die Ermittlungsarbeit und die Darstellung der Ergebnisse wesentlich erleichtert. Anhand von ausgewählten Turnierhighlights führte der fünffache DDR-Meister seine Hörerschaft durch neue Abschätzungen und den Abgleich mit bekannten – bisweilen kontroversen – Thesen über den Spielstil Laskers.

Fünf Mitarbeiter nahmen markante Turniererfolge unter die Lupe:

  • Der moldawische Großmeister Dorian Rogozenko schaute sich das Viererturnier St. Petersburg 1895/96 an.
  • Rainer Knaak selbst widmete sich Nürnberg 1896.
  • FIDE-Meister Johannes Fischer blickte auf London 1899.
  • Der slowakische Großmeister Igor Stohl hinterfragte St. Petersburg 1914.
  • Thorsten Heedt untersuchte New York 1924.

Die Analysen erfolgten unabhängig von einander; die Schlussfolgerungen fokussierten jedoch auf vergleichbare Themen. Eine Auswahl der vielschichtigen Untersuchungen vermittelte den Laskerianern bereits, wie hilfreich solche unterschiedlichen Blickwinkel sein können. Der Vortrag streifte folgende Aspekte, die zu vertiefen die Silberscheibe reichlich Material bietet. Einige Thesen seien kurz erwähnt.

Laskers psychologische Herangehensweise: Diese kam bisweilen vor, aber prinzipiell war er mehr ein Spieler der mit großer Objektivität an die Stellungsbewertung ging (Rogozenko). Als Beispiel für die psychologische These kann u.U. der Übergang in ein Endspiel mit zwei Minusbauern gegen Emanuel Schiffers in Nürnberg 1896 gelten. Lasker „vertraute“ darauf, dass sein Gegner fehlgreifen wird.

Lasker,E - Schiffers,E [D02]

Nürnberg (2. Runde), 21.07.1896

[Analyse von Rainer Knaak]

1.d4 d5 2.Sf3 Lg4 3.Se5 Lf5 4.c4 f6 5.Sf3 e6 6.Db3 b6 7.Sc3 c6 8.a4! Sa6?! 9.cxd5 exd5 10.e4 dxe4 11.Lxa6? 11.Sh4 (Fritz) ist logischer: 11...Lc8 12.Lc4 (12.Lxa6 ist auch nicht schlecht.) 12...g5 (12...Se7 13.Lf7+ Kd7 14.Sxe4+-) 13.Lxg8 De7 14.0–0 gxh4 15.Sxe4+- 11...exf3 12.0–0 Ld6 13.Lb7 Lxh2+! 14.Kxh2 14.Kh1 Lc7 15.Lxc6+ Kf8 16.Lxa8 Dxd4 17.g3 Dg4 18.Kg1 Lxg3 19.Lxf3 Dxf3 20.Db4+ Se7 21.fxg3 Dxg3+ 22.Kh1 Schwarz hat wenigstens Remis. 14...Dc7+ 15.g3 Dxb7 16.Te1+ Se7 17.Lf4 0–0–0 18.a5 18.Sb5!? (Fritz) doch die eigentliche Drohung ist nur ein Qualitätsgewinn. 18...Sg6 19.axb6 Dxb6 20.Dxb6 axb6 Weiß hat eine ordentliche Kompensation für das eingebüßte Material, doch für zwei Mehrbauern sollte sie nicht ausreichen, d.h. Schwarz muss hier besser stehen. Wie Lasker die Partie sogar noch gewinnt, das ist schon sehr lehrreich. 21.Ta7 Td7 22.Tea1 Txa7 23.Txa7 Te8 24.d5 24.Tc7+ Kd8 25.Txc6 Sxf4 26.gxf4 Te6! 24...cxd5 24...Te7 dürfte Schwarz ebenfalls klaren Vorteil geben. 25.Sxd5 Sxf4? Schmeißt die Gewinnstellung weg: 25...Te2! 26.gxf4 Te2 27.Kg3 Txb2 28.Txg7! Lasker spielt auf Gewinn. 28...Kb8 29.Sxf6 b5 30.Tg5 Ld3 31.Sd7+ Kc7 32.Se5 Le4 33.f5 Ta2 34.f6 Ta8 35.f7 Kd6 36.Tg8 Ke7 37.Kf4 Ld5 38.Tg7 Laut Datenbank wurde die Partie über 100 Jahre später bis hierher von zwei U16-Spielern nachgespielt, aber das ist mit Sicherheit ein Fake. 38...Th8 38...Kf6 39.Txh7 Ta4+ 40.Kg3 Lxf7 41.Sxf7 Kg6 42.Th1 Kxf7 ½–½ Dallakian,O-Scalisi,C/Bergneustadt 2000 39.Kg5 h6+ 40.Kf5 Le6+ 41.Kg6 Tc8 42.Th7 b4?! 42...Tf8= 43.f8D+ Kxf8 44.Kf6 Lg8? Erst dieser Zug verliert. 44...Kg8 45.Tg7+ Kf8 46.Te7 Lf5 47.Tf7+ Ke8 48.Kxf5 Tc2 49.Ke6 Txf2 50.Tb7 Td2= 45.Te7 Lh7 46.Txh7 Kg8 47.Tg7+ Kf8 48.Tb7 Ta8 49.Tf7+ Ke8 50.Te7+ Kd8 51.Sf7+ Kc8 52.Sd6+ Kd8 53.Ke6 Ta7 54.Txa7 b3 55.Ta8+ 1–0

Laskers theoretische Beschlagenheit: Hier lassen sich Unterschiede im Laufe seiner Karriere ausmachen. Trotz des überragenden Resultats in Nürnberg 1896 (13,5 Punkte aus 18 Partien) spielte er dort die Eröffnungen anspruchslos. Von den zwölf Siegen sind lt. Knaak mindestens fünf unter „zweifelhafter“ Mithilfe der Gegner zustande gekommen. Aber Lasker kannte auch viele Feinheiten in seinen Eröffnungssystemen und wandte diese besser als seine Kontrahenten an. So ist die berühmte Idee des anti-positionellen Zugs 12.f5 aus der entscheidenden Partie Lasker-Capablanca, St. Petersburg 1914, von ihm bereits zuvor in einer Partie gegen David Janowski (dritte Partie des WM-Kampfs 1909) angewandt worden (darauf verweist Stohl in seinem Beitrag). Solche Muster lassen sich eben mit ChessBase-Suchfunktion leicht ermitteln.

Laskers Verteidigung: Lasker verteidigte sich gerne, wenn er aktives Gegenspiel anstreben konnte. Es kam aber insbesondere bei direkten Angriffen auf seinen König vor, dass er wenig Widerstand entgegensetzte und schnell überspielt wurde (Lasker-Pillsbury und Steinitz-Lakser, beide St. Petersburg 1895/96 oder Pillsburg-Lasker, Nürnberg 1896).

Laskers Glück: Laskers „Glück” hatte nach Ansicht der meisten Autoren einen Hintergrund. Er spielte einfach über die meiste Zeit der Partie konzentrierter. Wechsel zwischen Kampfphasen waren für ihn seltener Situationen, in denen er grobe Fehler machte. Seine Einstellung zur Partie ermöglichte es ihm, sich adäquat auf veränderte Kräftekonstellationen auf dem Brett einzustellen bzw. Positionen anzupeilen, die eher seiner Neigung von Initiative und aktivem Gegenspiel entsprachen.

Laskers Endspieltechnik: Lasker suchte häufig Endspiele, um sich aus schlechteren Mittelspielstellungen zu befreien (z.B. Lasker-Tschigorin, St. Petersburg 1895/96). Bisweilen werden psychologische Erwägungen dahinter vermutet - z.B. in Lasker-Janowski, New York 1924, wo er einen Damentausch anbot, obwohl er in einem schlechteren Endspiel mündete. Erwartungsgemäß strauchelte der Gegner und ließ Siegchancen aus. Insgesamt diente ihm aber das Endspiel mehr als idealer Kampfplatz seiner Findigkeit, denn als Tummelplatz für psychologische Einlassungen.

Neben diesen und weiteren Tiefenblicke in Wendepunkte der Lasker-Partien offeriert die Produktion einen umfangreichen Lebenslauf (zusammengestellt von Albin Pötzsch) und für jedes Turnier einen ausführlichen Turnierbericht (z.B. für Moskau 1925 beispielsweise inklusive der Rede des Schachfunktionärs Nikolai Kyrlenkos über den Stellenwert des königlichen Spiels im jungen Sowjetstaat). Ausschnitte aus dem Videoclip-Teil (vor allem mit Beiträgen und Interviews rund um die Potsdamer Lasker-Konferenz im Januar 2001) rundeten den inhaltsreichen Report Knaaks ab.

Rainer Knaak
Rainer Knaak als aufmerksamer Zuhörer seiner Zuhörer beim Lasker-Treff.
Foto: Archiv Harald Fietz

Aber wie es bei Lasker-Treffen gute Tradition ist, entspann sich abschließend ein reger Dialog und Gedankenaustausch zwischen Referenten und der schachhistorisch beschlagenen Hörerschaft. Quellen mit weiteren Lasker-Partien (meist Simultanspiele) wurden benannt; mögliche philosophische Vorbilder für seine Einstellung zum Schachkampf erörtert (Renaissancedenker). Insgesamt wurde offenkundig, dass sich die Lasker-Fans glücklich schätzen, eine Zusammenfassung in der gebotenen Version zur Verfügung zu haben. Bei einem möglichen Update wird sicher auch Rainer Knaak erwägen, weitere Puzzleteile an Partienmaterial und Bewertungen aus dem fachkundigen Kreis der Lasker-Gesellschaft zu erhalten. Daher brachte der Abend Erkenntnisgewinne auf beiden Seiten – der Applaus für diese anregende Revue war entsprechend herzlich.

Das nächste Treffen der Lasker-Gesellschaft findet am Mittwoch, den 3. Juli, ab 19.30 Uhr im Laden „Lasker’s“ von Arno Nickel (Wilhelmshavener Str. 31, 10551 Berlin, Nähe U-Bahnhof Birkenstraße) statt. Es wird um neue und alte Schachbücher gehen. Gäste sind wie immer herzlich willkommen.

 

aktualisiert: 6. Juni 2002