Treffen am
  23. September 2004

 
 
 


Zum Auftakt der monatlichen Laskertreffen nach der Sommerpause konnte am 23. September mit der Psychologin Frau Dr. Marion Kauke endlich mal wieder eine weibliche Referentin gewonnen werden. Mit viel Schwung unterbreitete sie ihre Thesen zum Thema Spielintelligenz.

Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse über Spielintelligenz mit einem Exkurs zu Emanuel Laskers Spieltheorie und zur Schachpsychologie

von Dr. Marion Kauke

Entertainment-Computing ist das Stichwort für einen Boom in Spielforschung, Impuls für Kommunikations-Hochtechnologie und ungeahnten Anreiz für Spielerfinder/innen.
Bei der dritten Internationalen Konferenz für Entertainment-Computing (ICEC 09/2004) an der Technischen Universität Eindhoven, Niederlande, waren psychologische Erkenntnisse zur Spielkunst und künstliche Spielintelligenz gefragt.
Maxime für den modernen spieltheoretischen Trend ist das menschliche Begehren, relativ frei von inneren und äußeren Zwängen, unbesorgt, in Muße, zu eigenem Spiel und weltweiter spielerischer Kommunikation zu finden. Spielen nämlich lässt sich mit allem (Energie, Gefühlen, Gedanken etc.), vorausgesetzt, dass es im psychologischen Sinne wirklich Spielen ist.

Entgegen weit verbreiteten Irrtum ist Spielen psychologisch nicht etwas, das wuchernd unterbunden werden muss, sondern eine störanfällige innere Verfassung. Das sogenannte „entspannte Feld“ ist eine Basisbedingung für Spielstimmung und freudigen Aufbruch verkrusteter Zurichtungen. Mangelndes Spielvermögen ist lebensgefährlich!

Ausgehend von Entwicklungstatsachen unserer Stammesgeschichte hat Spielen zur Auslese, Vielfalt und Schöpfung der Arten maßgeblich beigetragen. Je höher die Art um so vielfältiger, intensiver und raffinierter äußert sich das Spielverhalten. Evolutionärer, kultureller und wirtschaftlicher Entwicklungsfortschritt wäre ohne quasi-experimentelles Variieren beim spielerischen So-tun-als-ob kaum denkbar. Spielerisch werden neue Welten entworfen.

Mittels dramatischer Ekstase und Trance erfinden wir uns als Spezies in unseren gesellschaftlichern Verhältnissen stets auf Neue. Wir gaukeln und gambeln uns so lange in der spielerischen Quasi-Realität etwas vor, bis wir es komfortabler finden, unsere Defizite durch künstliche Spielgefährten, Coaches und virtuelle Räume zu erquicken.

Entertainment ist nicht nur Refreshment oder Reaktivierung menschlicher Wesenskräfte, sondern schließt vielseitige Bedeutungen des Spielens ein, nämlich zwischenmenschliche Beziehungen zu stiften, erfreulich humorvoll, gewitzt und mit Charme aufrecht zu erhalten, abwechslungsreich, unterhaltsam zu gestalten; miteinander kommunizieren, um einander zu verstehen und sich zu (v)ertragen; die Erfolgsregeln des Lebens spielend herauszufiltern und sich fair an die orientierenden Weg(weise)r zu halten.

Moral ist Respekt vor den selbst auferlegten, spielbegründenden Regeln. Spiele sind Entwicklungsaufgaben, quasi Modelle, in denen fasslich herausgehoben ist, worauf es ankommt. Insofern bedeuten Spiele Problemrepräsentanten für menschliche Widrigkeiten, sozusagen das aufgeschlagene Buch menschlicher Wesenskräfte. Die häufigste Deutung des Schachspiels als Kriegsspiel im Sandkasten ist zu erweitern mit dem Blick auf das menschliche Zusammenleben, nämlich als Herausforderung, relativ ungefährdet zu üben, dem vermeintlichen Schicksal geschickt ein Schnippchen zu schlagen.

Oft werden Spiele und Leistung konträr verstanden. Vielmehr lässt sich aber nachweisen, dass wirklich herausragende, dauerhafte Wirkungen nur durch spielerisches Engagement hervorzubringen sind. Obwohl der Nutzen beim Spielen ursprünglich kaum beabsichtigt wird, sind innere und äußere Neuerwerbungen der „Lohn“ für den spielerischen Einsatz.
Anatomisch-physiologische Instanzen wie die Pyramidalbahn, Frontalhirn, Scheitelhirn (sogenannter sozial verantwortlicher Neokortex) und psychische Regulationsmechanismen wie Humor, Anmut, geistige Beweglichkeit, Intelligenz sowie Schätze wie geniale Spieler, Spiel-Events, Entertainment-Highlights und Spielzeuge und Spielwaren hätten wir ohne spielerische Aktivität nicht.

Spiele als Klaviatur menschlichen Ausdrucks beschränken sich durchaus nicht nur auf Kampfspiele. Selbst in vehement kompetitiven Spielen, wie Fußball, Handball, Rugby zählt kooperative Wettkampfwirksamkeit, das Zusammenwirken der leistungsstarken Koryphäen als Gruppe! Darüber hinaus existiert eine Palette der Verhandlungs- und Zuspiele.
Vielleicht ist das der vitalste Beweggrund zum Spielen, nämlich herauszufinden, wie etwas gelingt, sei es im Kampf, im Geschäft in der Liebe – je nach differentiellen Spielgesetzen.

Diese Erfolgsregeln des Handelns, um die gewollten Ziele trotz Widerwärtigkeiten zu erreichen, ich nenne sie Strategeme, bewegten wohl auch Emanuel Lasker, über die Gesetze des Kampfes modelliert im Schach und anderen intelligenten Strategiespielen nachzusinnen. Mit der Formulierung von macheidischen Spielprinzipien gilt er als moderner Vorläufer kompetitiver mathematischer Spieltheorie. Per problemspezifischer „Sprache“ der Mathematik können wir dechiffrieren, was im alltäglichen Zusammenleben auf allen Ebenen verwirrend verschlüsselt ist.

Kurzum: Spiele sind Spiegel menschlicher Psyche und begründen psychologische Theorie aus vielfach bewährter Spielpraxis. Psychologische Spielexpertise schließt Situations- und Menschenkenntnis, optimale Entscheidungen und bestmöglichen Umgang mit Spielvariablen ein. Spielpsychologie kann nicht auf gewieftes Ausspielen des Gegners und der Widerstände beschränkt werden, sondern sollte vielmehr angesichts des universellen Möglichkeitsfeldes unseres Zusammenlebens in Gens una sumus als freudebetontes Wachsen aneinander mit Esprit bekundet werden.

 

aktualisiert: 4. Oktober 2004