Treffen am
  19. November 2004

 
 
 


Siegbert Tarrasch: Leben und Werk

von Andreas Saremba - Fotos von Andreas Saremba

Siegbert Tarrasch war einer der ganz Großen der Schachgeschichte - nicht nur ein höchst erfolgreicher Meister des praktischen Spiels, der in seinen besten Jahren das Zeug zum Weltmeister hatte, sondern auch ein bedeutender Schachpädagoge und -schriftsteller, der wie kaum ein Zweiter für eine beträchtliche Hebung des allgemeinen schachlichen Niveaus gesorgt hat.

Und noch etwas war Tarrasch: Ein unermüdlicher Propagandist in eigener Sache, der keine Götter neben sich duldete und seine Lehren in den Rang absoluter Wahrheiten erheben wollte. Vielleicht war es eine kleine Gemeinheit Caissas, dass es - auch nach seinem Tod im Jahr 1934 - jahrzehntelang niemand wagte, sich dem Denkmal Tarrasch biographisch zu nähern. Außer den Partiesammlungen von Reinfeld (London 1947) und Brinckmann (Berlin 1963) und Untersuchungen von Einzelaspekten wie bei Harald Balló werden wir nur bei Vidmar fündig: In seinem zu recht berühmten Erinnerungsbuch „Goldene Schachzeiten“ (Berlin 1961) wird Tarrasch von einem seiner erfolgreichsten Schüler kritisch, aber warmherzig und in aufrichtiger Bewunderung gewürdigt.

Aber wenn wir der Schachgöttin schon Gemeinheit unterstellen, müssen wir ihr auch gleichzeitig Humor attestieren: Dass die schon lange überfällige Tarrasch-Biographie in Wolfgang Kamm ausgerechnet ein Mitglied der Emanuel Lasker Gesellschaft zum Autor hat, entbehrt angesichts der langjährigen erbitterten Fehde zwischen den beiden Rivalen nicht einer gewissen subtilen Komik. Wir beeilen uns allerdings hinzuzufügen, daß Kamm als aktiver Spieler Mitglied des SK Tarrasch 1945 München ist - und daß die ELG nicht Laskers „Südkurve“ und naive Heldenverehrung nicht ihre Sache ist.

Wolfgang Kamm
Wolfgang Kamm am Grab Siegbert Tarraschs
auf dem Münchner Nordfriedhof.

So warteten denn auch die „Laskerianer“ ungeduldig auf das Erscheinen des Werks, und nur wenige Tage später konnte am 19. November 2004 dann auch der lange erwartete Vortragstermin realisiert werden. Es wurde eine Mammutsitzung von über zweieinhalb Stunden, aber weder der - gesundheitlich gehandicappte - Referent noch irgendeiner der Zuhörer und Diskutanten ließ ein Zeichen der Müdigkeit erkennen. Das Phänomen Tarrasch und natürlich auch sein nicht spannungsfreies Verhältnis zu Lasker wurden von allen Seiten beleuchtet.

Wolfgang Kamm

Zur großen Freude nicht nur des Referenten, sondern auch der übrigen Anwesenden traf während des Vortrags sein eigens mit dem Auto aus München angereister Vereinskamerad, Großmeister Wolfgang Unzicker in der MÖWE ein. Der fast achtzigjährige Unzicker bereicherte die Veranstaltung wie immer nicht nur durch sein enzyklopädisches Wissen, sondern auch durch persönliche Erinnerungen und Anekdoten - sein Vater Eugen hatte, ebenso wie Kamms Großvater, Tarrasch noch persönlich gekannt.

Hörprobe: Wolfgang Unzicker über Tarrasch (MP3-Format, 834 KB)

Aber trotz dieser schon in der Kindheit geprägten Beziehung und aller sichtbaren Sympathie des Autors für seinen „Helden“ hält Kamm stets die notwendige kritische Distanz und beleuchtet alle Seiten von Tarraschs Persönlichkeit, auch die weniger angenehmen.

Hörprobe: Der Autor über sein Buch (MP3-Format, 739 KB)

Der Zuhörer (und der Leser des Buchs) entdeckt an dem bisher relativ eindimensional erscheinenden Dogmatiker Tarrasch neue, menschliche Seiten, und auch ohne eine einzige Schachpartie wäre die Beschreibung dieses Lebens eines jüdischen Intellektuellen zwischen Reichsgründung, Kaiserzeit, Weltkrieg, Weimarer Republik und beginnender Naziherrschaft schon spannend genug. Ganz zu schweigen von der ausführlichen Darstellung des Schachlebens jener Zeit mit all seinen farbigen und interessanten Persönlichkeiten, sowie den eingehenden Reflexionen über Tarraschs Gedankenwelt und Psyche. Gerade hier verlangt Kamm seinen Lesern einiges ab, und nicht jeder wird ihm bereitwillig überallhin folgen. Ob man das als eine Stärke oder eine Schwäche des Buchs ansieht, hängt vom subjektiven Blickwinkel ab. Kamms Biographie ist ein seriöses und glänzend recherchiertes Werk; aber es ist kein sorgfältig beschnittener Ziergarten, durch den man beschaulich-lustvoll wandelt, sondern erinnert eher an einen kraftvoll wuchernden Dschungel, durch den sich der Leser (manchmal mit der Machete) seinen eigenen Weg bahnen muß.

Wolfgang Kamm

Jedenfalls ist es das Buch, das man fortan als die Tarrasch-Biographie betrachten wird. Und während sich der Leser noch durch die ungeheure Materialfülle des 880-seitigen Wälzers kämpft, sieht der Autor schon hoffnungsvoll einer - angesichts des guten Verkaufserfolgs nicht unrealistisch erscheinenden - 2. Auflage entgegen, in der er die bereits aufgespürten Druckfehler und sonstigen kleinen Unebenheiten auszumerzen gedenkt. Hinweise auf sachliche Fehler nimmt er gern entgegen, und eine noch größere Freude macht man ihm mit der Hilfe bei der Beantwortung noch ungeklärter Fragen (siehe Forschungsappelle).

Einen Wunsch allerdings kann ihm nur nur einer erfüllen: Der Besitzer jener bedeutenden Schachsammlung, die ihm bisher noch nicht für seine Forschungen zugänglich war. Auch wenn sich Wolfgang Kamm, Camus zitierend, Sysiphos als einen glücklichen Menschen vorstellen kann - man wünscht ihm doch, daß er seinen Stein „Tarrasch“ eines Tages ganz auf den Gipfel des Bergs gerollt hat. Und wenn er sich dann beglückt, aber auch ein wenig ratlos umschaut, wird er vermutlich schon wieder die nächsten Steine in der Ebene liegen sehen. Hoffentlich.

Wolfgang Kamm

Vortrag von Wolfgang Kamm
Siegbert Tarrasch - Leben und Werk

Forschungsappelle

Exposé: Wolfgang Kamm/ Siegbert Tarrasch: Leben und Werk

 

aktualisiert: 20. Dezember 2004