Die letzte Partie oder Philidors Weisheit
Premierenkritik
von Thorsten Vogt
Auf die Symbolik kommt es an
Kann ein Spiel zur Metapher für das Leben werden? Mit dieser Frage
sieht sich ein Sohn (Eckart Neuberg) konfrontiert, der vor kurzem
seinen Vater verloren hat. Um dessen Tod nachvollziehen zu können,
muss er die letzte Schachpartie Revue passieren lassen. Doch das ist
gar nicht so einfach. Allerhand Rätsel scheinen sich in den vom Vater
beschrifteten, verschiedensten literarischen Büchern, die sich
ansatzweise mit dem Thema Schach (der Lieblingsbetätigung des
Vaters) beschäftigen, zu verbergen. Nur zusammengesetzt ergeben
sie für den Sohn die Wahrheit. Die Wahrheit darüber, ob sein Vater
ermordet wurde oder sich selbst das Leben nahm. Die Wahrheit über
die Familienverhältnisse. Die Wahrheit über das Schicksal des
familiären Unternehmens. Zug um Zug deckt der Sohn dabei die
schier unglaubliche Verästelung des Spiels der Könige mit dem
eigenen Stammbaum auf. Es scheint tatsächlich so, als ob die Figuren die
Lebensgeschichte zweier konkurrierender
Unternehmerfamilien nachspielten. Und er, der Sohn, ist mittendrin
und muss die Partie, die nach des Vaters Tod noch nicht beendet
war, fertig spielen. Dabei, und das wird ihm schnell klar, kann es nur
einen Verlierer geben: ihn selbst.
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Spannendes Schach-Potpourri
Zahlreiche Werke der Weltliteratur (u.a. Goethe, Fontane, Heinrich
Heine, Lessing) stehen Pate für die rund 80minütige szenische
Lesung. Und natürlich Philidor, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts
neben zahlreichen Opern auch das erste moderne Schachbuch
geschrieben hat. Eine spannende Idee also in jedem Fall, die
Lewandowski da hatte - die Aufdeckung und Nachverfolgung eines
(Selbst-)Mordes anhand literarischer Quellentexte, eingebettet in
das Spiel strengster Logik und strengster Rituale. Spannend auch
das Stück, das jedoch vor allem gegen Ende einige Längen und
Ungereimtheiten aufweist, die auch ein beherzt agierender Eckart
Neuberg nur schwer zu überspielen weiß. Schade. Glanzvoll, wenn
auch einfach, das Bühnenbild (Uwe Oelkers): Ein überdimensionales
Schachbrett, darauf ein schwerer Holztisch. Untermalt und
unterstützt wird Die letzte Partie von einer Beamer-Installation, die
jeden Zug des Spiels nachvollziehen ließ.
Fazit
Vor allem für Schachfans bietet die Inszenierung einen spannenden,
wenn auch etwas langatmigen Theaterabend. Nicht-Schachspieler
sollten es schwer haben, den verschiedenen Zügen zu folgen und sie
zu verstehen. Daher und aufgrund der Unstimmigkeiten gegen Ende
nur zaghafter Applaus für die Uraufführung!
Weitere Termine: 27., 29. Februar, 5., 7., 12., 13., 14. März, jeweils 20.30 Uhr
(erschienen auf der Webseite von www.bamberg-guide.de im Februar 2004)
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