Gewitterwolken fördern die Entscheidung zu Remis
Fröhliche Lebendschach-Partie in der Alten Hofhaltung
Prominente hin- und hergeschoben
Die Besucher der Alten Hofhaltung staunten am Sonntagnachmittag
nicht schlecht: Zwei lebendige Schachmannschaften standen sich
Auge in Auge gegenüber und trugen eine Schlacht
aus.
In stilvollen Kostümen konnte man dabei allerlei Prominenz
entdecken, die Köpfe mit Perücken, Hüten, Federbüschen
und Pferdeköpfen verziert. Von zwei Mannschaften
zu reden wäre verkehrt, denn das weiße Team bestand
nur aus Damen, lediglich der weiße König (Andreas
Starke) durfte das starke Geschlecht verkörpern. Ihm zur
Seite stand als Dame Birgit Dietz, flankiert von Melanie Beck
und Gabriele Pfeff-Schmidt in Läuferkostümen.
Als Gast aus Berlin versteckte sich lange Zeit dekorativ Susanna
Poldauf, deren Philidor-Ausstellung bis Dienstag im Foyer der
E.T.A. Hoffmann-Theaters zu sehen war. Den Turm und Eckpfeiler
bildete die Pfarrerin von St. Stephan, Angelika Steinbauer.
Die Lebendschach-Partie gehört wie die Ausstellung zum
Rahmenprogramm um die Oper Tom Jones aus der Feder
des Schach- und Musikgenies Philidor.
Als Feldherren der beiden Schlachtreihen thronten am Fuß
des noch unfertigen Turms der Jungfrau von Orleans-Inszenierung
die Bamberger Schachgroßmeister Lothar Schmidt und Dr.
Helmut Pfleger und gaben von oben herab Zug-Befehle ab, die
eine attraktive, aus Neutralitätsgründen rot gekleidete,
Schachfee (Anja Simon, Regieassistentin der Produktion Die
letzte Partie) auf dem acht mal acht Meter großen
Spielfeld zur Freude der sehr zahlreichen erschienenen Zuschauer
ausführte.
Das Los bescherte Lothar Schmid, dem größten privaten
Schachsammler der Welt, die weißen Steine, pardon, Figuren,
mit denen er so gern umgeht. Ein Blick auf die schwarze Mannschaft
genügte, um festzustellen, dass es nicht leicht sein würde,
den Sieg zu erringen. Um das Königspaar, Bürgermeister
Hipelius samt Ursula Sowa, scharten sich nämlich gestandene
Mannsbilder wie der Symphoniker-Geschäftsführer Christian
Schmölder, Pius Schiele, Rainer Lewandowski, Dieter Wuttke,
der ständig im Einsatz befindliche Theater-Architekt Springer,
sinnigerweise unter einem Springer-Kopf versteckt. Den standfesten
Turm in der Schlacht bildete schließlich Karl Franz vom
ausrichtenden Theaterverein.
Den prominenten Figuren standen KHG-Schüler als Bauern
zur Seite, die sich für ihre Könige beherzt einsetzten.
Die Moderation durch Tihomir Glowatzky konnte ganz knapp gehalten
werden, denn die großmeisterlichen Feldherren nahmen sehr
schnell das Szepter, sprich Mikrofon, in die Hand und kommentierten
zum sichtlichen Vergnügen der Kiebitze jeden Zug ausführlich.
Immer wieder verließen sie jedoch die rein schachlichen
Überlegungen und streuten in unnachahmlicher Art und Weise
Bonmots über die Bamberger Schachszene oder die ihnen wehrlos
ausgelieferten prominenten Figuren ein. So wurden auf Grund
der Königspaare neue Koalitionsvermutungen angestellt;
König Hipelius, der Schwarze, wurde mehrfach süffisant
nach links gerückt und die sonst grüne und diesmal
schwarze Dame wurde an den äußersten rechten Rand
verfrachtet. Intendant Lewandowski kam ausnahmsweise überhaupt
nicht zum Zuge, viel beweglicher war da Pfarrerin Angelikas
Steinbauer, die von ihrem Spielführer aufgefordert wurde,
bei der Rochade über Andreas Starke zu springen.
Das Kampfgeschehen wogte eine Stunde lang hin und her, beide
Könige wurden mehrfach bedroht, wobei vor allem Melanie
Beck als weißer Läufer dem schwarzen König Hipelius
an die Pelle rückte. Schließlich einigte man sich
auf ein Remis durch Dauerschach, bei den anrückenden Gewitterwolken
wohl die beste Lösung. Allen Beteiligten hat die Schlacht
sichtlich Spaß gemacht, den Pulverdampf schwappte man
gemeinsam und friedlich in der rauchgeschwärzten Hofbräu
hinunter.
(erschienen in Fränkischer Tag Bamberg am 16. Juni 2004)
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