Kabale & Liebe um Findelkind
Philidor-Oper Tom Jones im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater
Er war eine Multitalent, Schachgenie und Komponist beispielsweise:
Jetzt wurde bei den 9. Tagen Alter Musik in Bamberg Philidors Oper Tom Jones
von Musica Canterey und E.T.A.-Hoffmann-Theater ausgegraben.
von Martin Köhl
Zu manchen Opernstoffen kommt man nur auf Umwegen oder wenn besondere örtliche Voraussetzungen
es nahe legen. Die bewährte Zusammenarbeit zwischen E.T.A.-Hoffmann-Theater und Musica Canterey
allein hätte wohl kaum zur Erarbeitung einer frühklassischen Oper für die Tage der Alten Musik
in Bamberg geführt, denn der Verein um Gerhard Weinzierl hat sich eher auf das Repertoire des
17. Jahrhunderts spezialisiert.
Aber Bamberg ist ja eine traditionelle Schachhochburg, und da man schon wegen des berühmten
Theater-Namensgebers gerne mit Doppel- und Mehrfachbegabungen zu tun hat, war es wohl nur eine
Frage der Zeit, bis die unerhörte zwiefache Genialität des Francois-André Danican Philidor ins
Blickfeld geraten würde.
Die Originalpartitur zu dessen bekanntester Oper Tom Jones, im Besitz des Bamberger
Schachgroßmeisters Lothar Schmid, wurde zu einem der glücklichen Begleitumstände der Entscheidung,
Philidors musikalische Version des 1749 erschienenen Romans The history of Tom Jones, a foundling
aus der Taufe zu heben.
Dramaturg Tihomir Glowatzky und seine Assistentin Eva Lehner haben der naheliegenden Versuchung
widerstanden, sich auf billige Aktualisierung einzulassen. Nein, in Bamberg wird die Handlung nicht
in die Jetztzeit versetzt, sondern mit Perücken und zwischen Plüsch und Plunder agiert. Nicht zu
vergessen die Hirschgeweihe an den Wänden, denn der Herr im Hause Western ist ein rechter Schwachkopf
und hat nichts als Jagd (und Saufen) im Kopf. Freilich wird von der ersten Szene an ironisiert und
durch augenzwinkerndes Hantieren mit der Erzählperspektive desillusioniert.
Glowatzky hat die Schwäche von Poinsinets Opernlibretto erkannt und dessen extreme Vereinfachung
des komplexen und ausufernden Romangeschehens durch eine aus originalen Fielding-Texten erarbeitete
Rahmenerzählung wenigstens teilweise kompensiert. Deren Medium ist Dowling (Rolf-Bernhard Essig),
ein allwissend erscheinender Erzähler, der meist vom Bühnenrand aus agiert, aber oft genug ins Spiel
einbezogen wird.
Zur Ouvertüre wird der Werdegang des Findlings Tom Jones (Matthias Heubusch) von der Kinderstube
bis zum stattlichen Jüngling im Zeitraffer absolviert, inklusive der sich andeutenden Rivalität
mit Blifil, dem Fiesling der Fabel. Dessen Verkörperung durch Nils Giebelhausen erweist sich
spätestens in der musikalisch trefflich schmeichelnden Arie über das Wesen der Frauen als Glanzpunkt
der Aufführung, zumindest in sängerischer Hinsicht. Idealtypisch, ja geradezu klischeehaft ist das
Duo Sophia/Honora besetzt: Die höhere Tochter aus Gutsbesitzerhaus als tugendhafte anämische Schöne
(Gesine Nowakowski mit berückendem Timbre), ihre Zofe als keckes Frauenzimmer, das es dick hinter den
Ohren hat (erfrischend, ja mitreißend: Kathrin Unger).
Ingeniöses Halali
Über die Lebensphilosophie des Mr. Western (schauspielerisch sehr facettenreich und wendig: Frank Bauszus)
werden wir bald drastisch aufgeklärt, wenn die Jagdstatisten von der Musica Canterey dröhnend
hereinbrechen und in Philidors kompositorisch ingeniöses Halali einstimmen. Extrem einfältig ist
Ziehvater Allworthy gezeichnet (köstlich: Ulrich Bosch), während das kosmopolitische Gehabe der
Möchte-gern-Städterin Mrs.Western (sehr agil und resolut: Cristina Otey) sich erst allmählich als
Wunschvorstellung einer verkupplungsfreudigen Landlady entpuppt. Merke: für die allerdämlichsten
Liaisons zeichnen stets Frauen verantwortlich.
Philidors Musik, von Gerhard Weinzierls Dirigat beflügelt und vom Münchner Ensemble L’arpa festante
engagiert umgesetzt, zeigt ihre für die Operngeschichte herausragende Bedeutung vor allem im zweiten
Akt oder in der abschließenden Glanznummer, dem Septett-Ensemble. Tihomir Glowatzky unterstützt das
Geschehen durch mimische Erinnerungszeichen sowie durch durchdachte Personenregie.
Und er hat ein Gespür dafür, wie sich semiprofessionelle oder gar Laiendarsteller in eine Inszenierung
einfügen lassen, ohne dass der professionelle Anspruch der Produktion geschmälert wird. Seine
Textfassung mag sehr subjektiv sein, aber sie ist originell, tut weder dem Libretto noch der
Romanvorlage einen Tort an und erleichtert dem Publikum den Zugang zum Werk. Für die Ausstattung
sorgte Uwe Oelkers mit schnörkellosem Konzept.
Hoffentlich sind in Bamberg noch viele Konstellationen denkbar, die Opernproduktionen pfiffigen
Zuschnitts aber unterhalb von Staatsopernaufwand ermöglichen.
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Foto: Ingrid Rose
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Nils Giebelhausen und Gesine Nowakowski in der Bamberger Inzenierung der Oper Tom Jones.
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(erschienen in Fränkischer Tag Bamberg am 14. Juni 2004)
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