Blind den Durchblick behalten
Multitalent Philidor setzte nicht nur die Generäle Friedrich des
Großen matt
von Harald Fietz, Januar 2002 - die Bilder wurden vom Exzelsior-Verlag
zur Verfügung gestellt |
Francois-André Danican Philidor
(1726-1795)
Als sich der Essener FIDE-Meister
Achim Illner vergangenen Oktober bei "Wetten dass ...?" nach kurzer Ansicht
an fünf zuvor ausgewählte Schachpositionen korrekt erinnerte, war
die Fernsehnation derart beeindruckt, dass Zweidrittel der Zuschauer diese
Wette zu der besten kürten. Doch das Abrufen quasi photographisch
gespeicherter Stellungen ist ebenso wie das Spielen ganzer Partien ohne Ansicht
des Brettes kein neues Phänomen. Im 18. Jahrhundert nahm das Blindspielen
seinen Aufschwung. Kaffeehäuser und Salons in Paris und London waren
berühmte Orte, an denen "der Beweis für die Kraft des menschlichen
Verstandes" angetreten wurde, wie die Londoner Morning Post 1782 anlässlich
einer Vorstellung des Größten seiner Zunft würdigte.
Zu diesem Zeitpunkt waren die
Begabungen und Taten des 1726 geborenen Multitalents Francois-André
Danican Philidor bereits Legende. Als erfolgreicher Berufsspieler, der das
grundlegende Standardwerk zur Schachtheorie verfasste, und als gefeierter
Opernkomponist, der die französische Oper am Übergang vom Barock
zum Klassizismus mit neuen Impulsen belebte, erregte er in ganz Europa Aufsehen.
Wie in der heutigen Unterhaltungsbranche bedurfte die Darbietung solcher
Künste der Odyssee über den Kontinent. Wohl das die Postkutsche
seit 1750 in den "Deutschländern", wie die Franzosen das zersplitterte
Reich nannten, nach einem regelmäßigen Fahrplan verkehrte.
Insbesondere in Preußen waren Künstler - neben Intellektuellen
- seit 1740, dem Amtsantritt Friedrich des Großen, willkommen. Im
Spannungsfeld zwischen Machtpolitik und Aufklärung wollte der Monarch
Berlin zum "Tempel großer Männer" machen. In der Friedenszeit
1745-56 herrschte Aufbruchsstimmung: "Mon roi agit comme il écrit",
lautete ein Bonmot Voltaires während seines dreijährigen Aufenthalts
an der Spree. Neue Ideen und Reformen erfassten alle gesellschaftlichen Bereiche;
theoretisches Gedankengut sollte praktische Anwendung finden - auch in der
militärischen Schulung.
Und exakt hier ließ man sich
von Philidors neuem Schachverständnis beeindrucken. "Die Bauern sind
die Seele des Schachspiels", postulierte er 1749 in seinem Werk "L'Analyze
des Echecs" mit dem Untertitel "Ludimus Effigiem Belli" - wir spielen ein
Abbild des Krieges. Welch revolutionärer Gedanke! In Militärtheorie
übersetzt heißt das, die Infanterie wird zum Herzstück der
Kriegsführung. Dies zu verinnerlichen, fiel preußischen
Generälen, die fast ausschließlich durch Adelsmonopol ins
Offizierskorps rückten, noch schwer. Der Bauer, die kleinste Kampfeinheit
im Schach, der niedrige Stand, sollte Garant für den Sieg sein? Eine
Abhängigkeit, die vor der französischen Revolution der
Führungselite geradezu paradox erschien. Einem Vergleich mit Philidor
konnten sie sich indes nicht entziehen - empfahl Friedrich das Spiel doch
als Bestandteil der Ausbildung.
Porträt Philidors von Bartolozzi (1749)
So stellten sich drei exponierte
Kriegsführer dem Wettstreit: Generallieutenant Friedrich Rudolf Graf
von Rothenburg, Feldmarschall und Gouverneur von Berlin, James Keith, sowie
Generalmajor Christoph Hermann von Manstein saßen im April 1750 dem
24-jährigen Schachgenie aus Paris gegenüber. Dieser weilte im
preußischen Machtzentrum, um eine mögliche Herausgabe und Subskription
seines Buches in deutscher Sprache voranzutreiben. Neben der allgemeinen
Würdigung in der Berlinerischen Priviligierten Zeitung, der späteren
Vossischen Zeitung, waren solche PR-Auftritte schon damals ein probates Mittel,
den Ruf zu festigen.
Chancenlos unterlagen die
Generäle; das Interesse des Königs war vollends geweckt. Aber einen
direkten Vergleich scheute er. Möglicherweise war es einfach die
respektvolle Hochachtung vor einem Pionier, über den Bent Larsen meinte,
Philidor sei seiner Zeit um 70 Jahre voraus gewesen - alle späteren
Schachtheoretiker nur noch jeweils höchstens 15 Jahre. Das Erlebnis,
den Meister am Hof Sans Souci gegen den Marquis de Varennes und den
jüdischen Gelehrten Aaron Salomon Gumpertz spielen zu sehen, muss fesselnd
genug gewesen sein. Obwohl der Franzose beiden die für heutige
Verhältnisse unübliche Vorgabe von einem Springer gewährte,
blieben es ungleiche Duelle.
Die Kunde von diesen Auftritten
verbreitete sich schnell im Land, und Philidor konnte nun, wie in Frankreich
und England, kurzzeitig auch in deutschen Territorien den Status als
Berufsschachspieler in bare Münze umwandeln. Besonders der Aufenthalt
in der hessischen Residenzstadt Arolsen verschaffte ihm ein stattliches
Einkommen. Aber auch seine zweite Ausnahmebegabung wurde vor zwei Jahrzehnten
in der Fürstlich Waldeckschen Hofbibliothek mit verschollen geglaubten
Partiturauszügen genauer belegt.
Philidor besaß eine umfassende
musikalische Begabung, welche ihn zum Komponieren von Kirchenmotetten bis
zur Oper befähigte. In seiner intensivsten Schaffensphase zwischen 1760
und 1770 schuf er zwölf Opern, die heute zu entdecken ein lohnendes
Abenteuer sein kann. In Berlin feierte die Neuköllner Oper in dieser
Spielzeit mit einem Hauptwerk, "Tom Jones" nach dem Schelmenroman von Henry
Fielding, eine umjubelte Aufführung der Operngattung, die als Opéra
Comique bekannt wurde. Eines der drei großen Opernhäuser der
Bundeshauptstadt führt gar den Namen "Komische Oper". Wie beim Schach
war Originalität der Schlüssel zum Erfolg: Der Sologesang der barocken
Da-Capo-Arie wurde geopfert zugunsten einfach gegliederter Lied-Arien. Mehrere
Solisten konnten gleichzeitig nebeneinander wirken - wie die Bauern auf einem
Schachbrett.
Titelblatt der Partitut zur Oper Tom Jones
Und das königliche Spiel rettete
Philidor den Lebensabend. Als in Revolutionszeiten die komische Oper nicht
mehr gefragt war, gelang es, die Existenz in den Clubs im Londoner Exil zu
sichern. Die dritte Auflage seines Buchs schaffte zudem eine schmale materielle
Basis, der Eintrag in die Emigrantenliste stellte nach der Hinrichtung Ludwig
XVI 1793 aber ein unüberwindbares Hindernis für die Rückkehr
dar. Die Trennung von Frau und Kindern blieb bis zu seinem Tod 1795
endgültig. Blindes Wirken der Geschichte für den Mann, der blind
den Überblick behielt.
Soweit einige markante Lebensstationen
eines Ausnahmekönners, über den sicher jeder einiges weiß,
dessen Leben und Wirken im Umfeld vieler großer Persönlichkeiten
des 18. Jahrhunderts bisher allerdings nicht umfassend dokumentiert und
kommentiert war. Diese Lücke ist jetzt geschlossen. Mit dem im Berliner
Exzelsior Verlag erschienenen Buch "Philidor - Eine einzigartige Verbindung
von Schach und Musik" (ISBN 3-935800-02-9; 192 S., 18 EUR) gelang der
Berliner Kulturwissenschaftlerin Susanna Poldauf der Spagat, eine
Biographie zu schreiben, die beide Domänen des großen Franzosen
gleichberechtigt vor dem ideengeschichtlichen Hintergrund des Zeitalters
der Aufklärung würdigt. Aufbauend auf einer 1998 an der Berliner
Humboldt-Universität eingereichten Magisterarbeit wurden zudem - unter
Mitwirkung von IM Dirk Poldauf, dem Bruder der Autorin, - auf 17 Seiten einzelne
Analysen des Buches von 1749 überprüft und sechs Partien aus Philidors
letzter Lebensphase aufgenommen. Erst ab 1783 sind Partien von ihm erhalten,
so dass über seine praktische Spielstärke zur Zeit der Formierung
seiner strategischen Prinzipien kein unmittelbarer Rückschluss möglich
ist.
Susanna Poldauf
Dies ist auch nicht der primäre
Anspruch des Werkes. Vielmehr leuchtet Susanna Poldauf die entscheidenden
Lebensphasen und -stationen des Meisters aus und spürt in thematischen
Kapiteln Erklärungen nach, warum sich Talent in lebenslange Passion
wandelte, wie künstlerischer und spielerischer Anspruch mit
geschäftlicher Notwenigkeit in Einklang gebracht wurde und wer diese
Prozesse stimulierte und förderte. Eingebettet in detailreiche
Beschreibungen von Örtlichkeiten und Szenerien werden zudem die
"Wanderungen" der Mehrfachbegabung zwischen europäischen Machtzentren
und ihren kulturellen Spielstätten, den Kaffeehäusern, Salons,
Clubs und Opernhäusern, chronologisch nachvollzogen. In knapp sieben
Jahrzehnten vorzog sich manche Entwicklung: von der Doppelbegabung des
Wunderkindes, dem Aufstieg als Schachspieler und Blindschachvirtuose in der
Pariser Szene, dem Leben als Schachboheme in Amsterdam, London, Aachen,
Berlin/Potsdam und anderen Höfen, der Verteidigung einer Schachtheorie,
den Jahren intensiven Komponierens, der Rückkehr zum Schachprofitum,
der Auseinandersetzung mit dem ersten Schachautomaten und dem erzwungenen
Exil. Außerdem was es eine Umbruchzeit des Wissens: Leibnitz'sches
Streben nach einer Universaltheorie prägte wissenschaftliche und
philosophische Diskussionen. Allerorts suchte man, allgemeingültige
Prinzipien und Regeln für Zusammenhänge von Dingen zu schaffen.
Philidor gebührt das Verdienst, Elemente und Phasen des Schachspiels
in ein systematisches Gedankengebäude fassen zu wollen. Stärken
und Schwächen seines Ansatzes werden ausführlich
gegenübergestellt.
Die Spurensuche gelingt, weil sich
das Werk nicht nur auf Schachinhalte beschränkt, sondern - unter Zitierung
zahlreicher Originalquellen aus Schachliteratur, wissenschaftlichen Abhandlungen,
Lebensbeschreibungen, Briefen und Zeitungen - den Bogen zu
Berührungspunkten mit anderen zeitgenössischen Theorien und
Künsten spannt. Die Stärke des Buches liegt zwar darin, zu zeigen,
wie sich der Hang zum Perfektionismus und zu absoluten Erklärungsmustern
auf einzelnen Gebieten auswirkte, doch wird nicht vergessen, zu interpretieren,
welche Wechselwirkungen zu orten sind. Schach und Musik sind Sphären,
die insbesondere im Schaffensprozess Parallelen aufweisen:
-
Orientierung an einer Struktur, d.h. Eröffnung - Mittelspiel - Endspiel
im Schach und Exposition - Durchführung - Finale in der Musik;
-
Varianten und Variationen als Gestaltungsprinzipen, um dem Werk besondere
Dynamik bzw. Rhythmus zu geben;
-
Phantasie und Vorstellungskraft als Elemente des kreativen Prozesses - die
wahren Könner vollziehen diesen blind (oder notgedrungen tabu, wie Ludwig
van Beethoven!);
-
Wunsch nach dem harmonischen Werk - gleichwohl der Harmonielehre in der Musik
kein entsprechendes Lehrwerk im Schach gegenübersteht;
-
Notationen als Mittel der Dokumentation.
Obwohl Schachspieler gemeinhin
in ihrem "Revier" bleiben, sollte man den Einblick in eine Welt wagen, in
der das königliche Spiel noch den Glanz breiterer gesellschaftlicher
Aufmerksamkeit genoss. Wer seiner Umgebung heute nicht nur ein obstinates
Erscheinungsbild des Schachsports liefern will, und Argumente für den
ursprünglichen Reiz des Spiels sucht, ist hier genau richtig. Der
gefällig gebundene Band sollte auf den eigenen Nachtisch - ob daheim
oder auf Reisen (man studiere für die Trickkiste des Schnellschachfinish
besonders die immer wieder gefragten Endspielführungen Turm gegen Turm
und Läufer und das Läufer-Springer-Matt im Analyseteil!). Das Buch
eignet sich auch vorzüglich als Geschenk für jene, die unsere
Leidenschaft für das Spiel zwar vage erahnen mögen, aber nichts
von seiner glorreichen Tradition kennen.
Kurzum: Pflichtlektüre für alle, die mehr wollen als A07
oder B85!
Zielgruppe: Alle Schachfreunde unabhängig von der Spielstärke,
die sich für den Menschen hinter dem Spieler interessieren.
Besonderheit: Das Werk betritt an vielen Stellen Neuland, führt
Quellen zusammen und interpretiert Sachverhalte unter neuen Fragestellungen.
Aufgrund der jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema ist es gelungen,
nicht nur das Einzelschicksal Philidors zustellen, sondern kulturelle, soziale
und politische Hintergründe seiner Zeit und das Wirken bedeutender
Persönlichkeiten, mit denen dieser den Weg kreuzte. Insofern wurde nicht
nur eine Wissens- und Erkenntnislücke geschlossen, sondern ein Standard
hinsichtlich Schachbiographien gesetzt, den zu erreichen sich andere Autoren
ziemlich anstrengen werden müssen.
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