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Die Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 31. August 2002
enthielt ein Interview von Thomas Leinkauf und Paul Werner Wagner
mit GM Lothar Schmid.
Berliner Zeitung
Samstag, 31. August 2002
Der
Karl-May-Verleger Lothar Schmid hat die beiden großen Duelle
zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski geleitet. Ein
Gespräch über Schach im Kalten Krieg, Genies des königlichen
Spiels und das Sammeln seltener Schachbücher.
Herr
Schmid, vor genau 30 Jahren fand in Reykjavik der legendäre
Weltmeisterschaftskampf im Schach zwischen Boris Spasski aus
der Sowjetunion und Bobby Fischer aus den USA statt. Sie
wurden als Hauptschiedsrichter für das "Jahrhundertduell"
ausgewählt. Warum gerade Sie?
Beide wollten mich.
Ich habe Boris Spasski 1955 das erste Mal persönlich erlebt.
Er war damals 16 Jahre alt und schon riesenstark. Das hat mir
sehr imponiert. Ähnliches habe ich vier Jahre später mit dem
ebenfalls 16-jährigen Bobby Fischer erlebt. Er nahm an einem
Kandidatenturnier teil und ich lernte seine Gefühle kennen,
auch seine Stärken und Schwächen. Gegen Michail Tal, der 1960
Weltmeister wurde, verlor er dort vier Mal. Aber ich erkannte
in Bobby das Genie. Ein Jahr später konnte ich Fischer nach
Bamberg einladen. Er war hier bei uns zu Gast, war sehr nett,
wir haben viel Blitzschach gespielt. Ich habe ihn in die
Spielbank nach Bad Homburg geführt, ehe er zurück in die USA
flog; ich war ja schon volljährig, er noch nicht. Ich habe ihm
einige Chips gegeben, und er spielte interessanter Weise nur
einfache Chance. Rot oder Schwarz oder gerade oder ungerade.
Das zeigte mir, wie er wohl auch im Schach eingestellt war.
Trotz aller Kombinationen auf dem Boden der Tatsachen bleiben,
im Rahmen einer verhältnismäßig guten Gewinnchance spielen. Na
ja, so habe ich beide im Vorfeld kennen gelernt. Und sie
vertrauten mir.
Das Match in Island drohte damals
zu platzen, weil Fischer nicht rechtzeitig anreiste.
Er hatte eine ganze Reihe von Wünschen, die nach
seiner Meinung nicht genügend erfüllt waren. Sie waren nicht
ganz klar. Alle Einzelheiten waren ja beschlossen, wann, wo,
unter welchen Voraussetzungen gespielt wird, mit welcher
Schachuhr usw. Fischer war bockig.
Lag es am
Preisgeld?
Ja, vielleicht. Ein Engländer namens
Slater hat die Summe dann auf 250 000 Dollar verdoppelt. Man
hat alles versucht, um den schwierigen Bobby nach Reykjavik zu
kriegen. Schließlich gelang es.
Der Kampf begann
mit einem Paukenschlag in der ersten Partie.
Es
kam zu einem Läufer-Endspiel mit etlichen Bauern auf beiden
Seiten. In dieser völlig gleichen Stellung, die man auch hätte
Remis geben können, wagte es Fischer, ohne lange nachzudenken,
einen so genannten vergifteten Bauern zu schlagen. Er glaubte
wohl, seinen eingesperrten Läufer wieder frei zu bekommen.
Damit hatte er sich gründlich verrechnet. Dann suchte er, wie
es schien, nach Schuldigen. Die laufenden Kameras. Sie waren
mit Zeltplanen abgedeckt worden, aber er hatte die Linse
bemerkt und das störte ihn. Er verlangte, die Kameras
unsichtbar aufzustellen. Daraufhin haben wir sie am Rande der
Bühne installieren lassen, in einem Hohlraum, wo wirklich nur
die Linse zu sehen war. Aber auch das störte ihn. Er
verlangte, dass alles weg müsse. Hier hatte der Schiedsrichter
zu entscheiden und ich sagte, es ist alles in Ordnung auf der
Bühne, Bobby, tritt an. Er kam aber nicht. Seine Uhr wurde
pünktlich in Gang gesetzt und es gibt eine Regel, wonach ein
Gegner bei Nichterscheinen nach einer Stunde verloren hat. Und
so kam es.
Das drohende Ende des
Jahrhundertduells.
Ich wusste, wie schwierig Bobby
ist, aber das war mir doch neu. Wir haben natürlich im Hotel
angerufen, das war ungefähr drei Kilometer entfernt. Bobby
ließ sich nicht sprechen. Ich ließ ihn warnen. Als letzte
Amtshandlung habe ich alle Ampeln zwischen dem Hotel und der
Spielhalle von der Polizei auf Grün stellen lassen, falls er
es sich noch überlegt. Er kam nicht und verlor. Das war
tragisch, das war sogar entsetzlich. Denn ich ahnte schon,
dass er danach noch mehr Schwierigkeiten machen würde. Er ließ
seinen Anwalt einfliegen, der mir sagte, Herr Fischer wünsche
die dritte Partie im Nebenzimmer zu spielen, ohne Kameras. Ich
sagte, das ginge ja nur im Falle einer echten Störung durch
Lärm oder sonstige sichtbare Beeinträchtigungen. Mr. Marshall
antwortete, diese Störung können Sie haben, ich zerhaue mit
einem Vorschlaghammer Ihren Schachtisch, er war eigens für das
Match von den Isländern gebaut worden. Ich fragte Boris
Spasski, ob er bereit sei, im Nebenzimmer zu spielen. Er war
sehr aufgeräumt, und sagte: Na schön. Plötzlich fing Fischer
wieder an, das passe ihm nicht und jenes nicht. Ich sagte:
Bobby, du spielst jetzt, da sagte er zu mir: Shut up, halt's
Maul. Das gefiel Boris gar nicht, mir auch nicht, aber was
sollte ich machen? Da sagte ich, ihr beide habt es
versprochen, ihr spielt jetzt, packte sie am Schlaffitchen und
drückte sie in die Sessel. In diesem Augenblick machte Boris
Spasski wie automatisch seinen ersten Zug. Der Wettkampf war
gerettet.
Fischer spielte genial
...
und Spasski wirkte plötzlich wie ein Kaninchen vor der
Schlange. Bobby gewann diese Partie im großen Stil. Die 4.
Partie spielte Boris wie gelähmt. Bobby gewann überlegen.
Nach acht Partien stand es 5:3.
Fischer
zog einfach davon. Und dann merkte man, dass sich
wahrscheinlich dieses Hin und Her vor dem Match und der
eigenartige Beginn auf die Nerven Spasskis gelegt hatte.
Hatte er einen Fehler gemacht, als er auf Fischers
Forderungen einging?
Wissen Sie, er hatte Fischer
vor dem Kampf mehrfach geschlagen; und hier stand es 2:0. Er
wollte spielen und gewinnen. Ich fragte die Russen, ob nicht
Spasskis Frau kommen könne, um ihn zu unterstützen. Aber die
sagten, ach, das haben wir trainiert. Er ist schon sechs
Monate ohne Frau. Wie immer das zusammenhing, sie kam dann
doch, Larissa, eine Schönheit. Später hat er sich von ihr
getrennt.
Wie reagierten die Russen auf Spasskis
Niederlagen?
Sie haben es offenbar nicht
geschafft, ihn nervlich auf ein besseres Niveau zu bringen.
Dann äußerten sie plötzlich den Verdacht, seine Spielunlust
sei durch den Stuhl, auf dem er saß, verursacht, weil er
offensichtlich präpariert worden sei. Der Stuhl wurde in allen
Details auseinander genommen, sogar geröntgt. Es fand sich
nichts.
Es gab Krieg.
Nicht zwischen
den Spielern, jedenfalls nicht mehr. Die beiden mochten sich
sogar. Nach dem Match saßen sie zusammen am Tisch,
unterhielten sich nett, analysierten miteinander per
Taschenschach. Später wurden sie richtige Freunde.
Warum hat Fischer anfangs solche Sperenzchen
gemacht?
Das ist seine Eigenart.
Hatte
er Angst vor Spasski?
Vielleicht. Ganz im
Hintergrund. Das möchte ich nicht ausschließen. Was in seinem
Kopf vorgeht, ist ganz schwer einzuschätzen, weil er eben
anders denkt als andere. Er wurde mit 13 schon auf den Schild
gehoben in seinem Land. Und ein junger Mensch, der das erlebt,
denkt und fordert anders als ein Mensch, der übliche Wege
geht. Er war eine Ausnahmeerscheinung, wurde von den Medien
dazu gemacht.
Man spricht ja davon, dass Fischer
vielleicht der genialste Spieler aller Zeiten war.
Im gewissen Sinne, sicherlich.
Beschreiben
Sie Fischers Genialität.
Er hat nie zu viel
riskiert. Man erwartete eigentlich, dass er auf dem Brett mal
alle Brücken abbrechen würde, um ein noch stärkeres
Kombinationsspiel zu finden. Aljechin hat das getan, später
Tal. Nein, so war er nicht. Er hat zunächst ein ganz
fundiertes Eröffnungsspiel betrieben, wie die Russen auch. Er
war kreativ in den Eröffnungen, die er selber spielte, und in
den Eröffnungen, die beim Gegner zu erwarten waren, bestens zu
Hause. Aber auch im Mittelspiel hat er nach originellen Wegen
gesucht. Und da zeigte sich erst recht seine Genialität. Er
machte Züge, an die niemand dachte. Er war ganz schwierig
einzuschätzen. Das war die eigentliche Überraschung für
Spasski, die er nicht verkraftete. Sicherlich hat Fischer auch
durch seine Manöver, durch sein Gehabe und Getue den
Titelverteidiger beeinträchtigt.
War Spasski außer
Form?
Er erklärte später, dass er gewisse
innenpolitische Probleme hatte. Spasski war ja kein Kommunist.
Man hat ihn nicht so herausgestellt und begleitet und
geschützt wie dann zum Beispiel später Karpow. Und er sei
einsam gewesen. Er war drei Jahre der Weltmeister, und das sei
seine schwerste Zeit überhaupt in der Sowjetunion gewesen.
Denn die Führung dort wollte eigentlich einen linientreuen
Mann. Das war Boris sicher nicht.
Wie reagierte der
sowjetische Verband auf Spasskis Niederlage?
Er
soll angeblich neun Monate Spielverbot gehabt haben. Aber dann
hat er überlegen die sowjetische Meisterschaft gewonnen, gegen
alles, was Rang und Namen hatte.
1975 hätte Fischer
seinen Titel gegen Anatoli Karpow verteidigen müssen. Der
Kampf kam nicht zu Stande.
Fischer hatte wieder
Forderungen gestellt. Der Weltmeister sollte nur besiegt sein,
wenn der Herausforderer nicht nur eine, sondern zwei Partien
mehr gewonnen hätte. Hier schieden sich die Geister. Mit 34:32
Stimmen entschied der Weltverband FIDE gegen Fischer. Ein
Stück Schachweltgeschichte scheiterte. Fischer hat dann 20
Jahre nicht mehr gespielt. Wirklich schade. Ein Genie ist
untergegangen.
Haben Sie eine Ahnung, was Fischer
die ganzen Jahre gemacht hat?
Ich habe ihn 1975 in
Pasadena, seinem Wohnort in den USA, getroffen. Wir aßen in
einem Lokal zusammen Mittag. Fischer war aufgeräumt, bester
Laune. Er hatte gerade den Weltmeistertitel kampflos verloren,
aber es machte ihm offenbar nichts aus. Dann hat man immer
wieder versucht, ihn zu einem Revanche-Wettkampf zu bewegen.
Hohe Summen wurden geboten, aber er wollte nicht. Bobby war
wirklich unglaublich bockig. Damals kam die Theorie auf, er
wolle es nicht risikieren, in einem zweiten Match gegen einen
der nachgewachsenen Weltklassespieler zu verlieren. Er wollte
ungeschlagen bleiben.
Was macht so ein Mann 20
Jahre lang?
Er lebte in relativ einfachen
Verhältnissen, solange das Geld eben reichte. 1990 kam er zu
Besuch, ich muss nachdenken, ob er zwischenzeitlich noch mal
da war. Ich denke ja. Er fühlte sich hier ganz wohl, ich habe
ihn ja auch nett behandelt. Ich mag ihn. Ich konnte nur nicht
immer einverstanden sein mit dem, was er tat. Damals hatte er
nicht mehr viel Geld. Er wollte sein Zimmer in dem kleinen
Hotel, in dem er wohnte, selber bezahlen. Wir handelten den
Zimmerpreis von 50 auf 20 Mark herunter. Das zahlte er, den
Rest beglich ich, ohne dass er es wusste. Dann vermittelte ich
ihm einen Aufenthalt nicht weit von hier, in der fränkischen
Schweiz, bei einer Schachfamilie. Er blieb drei Monate und
fühlte sich sehr wohl. Journalisten des Stern entdeckten ihn
und er ergriff die Flucht. Fischer wohnte noch eine Zeit lang
bei einem anderen Schachfreund, und dann war er weg.
1992, zwanzig Jahre nach Reykjavik, kam es ganz
unerwartet zum Revancheduell zwischen Fischer und Spasski.
Ein serbischer Bankier bot fünf Millionen Dollar
Preisgeld, 3,4 für den Sieger, 1,6 Millionen für den
Unterlegenen. Natürlich haben beide mitgemacht.
Kann man nach 20 Jahren ohne Praxis überhaupt noch
einen Wettkampf gewinnen?
Das war die Frage. Aber
Fischer ist so unglaublich talentiert, dass ihm die lange
Pause, wie sich zeigte, nichts ausmachte.
In
Jugoslawien gab es damals schwere kriegerische Konflikte.
Ich sagte deshalb zu den Veranstaltern: Nennt das
Duell doch "Schach für den Frieden". Der Sponsor fragte mich,
ob ich wieder Schiedsrichter sein wolle. Ich sagte zunächst
Nein. Doch dann hat er mich überredet. Ich sagte o.k., ich
komme zur 1. Partie runter, brauche aber die Genehmigung des
deutschen Außenministers. Ich fuhr also, obwohl die Amerikaner
schon halb drohten, dass niemand mit diesem Lande oder diesem
System in Berührung kommen dürfe. Es waren 150 Journalisten
aus aller Welt da, Fischer hat vor dem Match ein bisschen
gegen die US-Regierung geschimpft und gegen die Russen. Aber
es ging alles so weit gut und die erste Partie fand statt,
ohne besondere Probleme. Ich blieb länger als geplant in Sweti
Stefan, übrigens eine bezaubernde Halbinsel. Dann bin ich noch
einmal nach Belgrad gefahren, wo die zweite Hälfte des
Wettkampfes ausgetragen wurde.
Wie ging die
Revanche aus?
Bobby gewann souverän, eigentlich
ohne große Schwierigkeit. Boris war ein bisschen ruhiger,
träger geworden. Ich will ihn nicht schlecht machen, er war
nach wie vor stark, aber diesem Ungetüm Fischer war er
schachlich nicht gewachsen. Bobby war ungeheuer populär. Auch
damals schon in Reykjavik. Neulich hat mir der Präsident
Islands gesagt, dass Fischer-Spasski mehr Aufsehen erregte als
der Besuch von Gorbatschow und Nixon zusammen. Ausgerechnet
Schach hat Island bekannt gemacht in aller Welt.
Schließen Sie ein 3. Duell der beiden aus?
Keineswegs. Irgendwann geht Fischer das Geld aus.
Stehen Sie als Schiedsrichter wieder zur Verfügung?
Das entscheide ich dann.
Die großen
Schachduelle waren viele Jahre ein Politikum ersten Ranges.
Ja, und das größte Politikum war der Kampf
zwischen Kortschnoi und Karpow 1978 auf den Philippinen. Der
Dissident gegen den Linientreuen.
Auch den haben
Sie geleitet. War es schwieriger als Reykjavik?
Ja, denn Kortschnoi war 1976 im Westen geblieben.
Man spürte damals, dass Feinde aufeinander trafen. Inzwischen
haben sie sich ja wieder ganz gut vertragen, aber damals war
Kortschnoi ein sowjetischer Staatsfeind und Karpow der
linientreue Kommunist. Karpow hatte es in dieser Situation
nicht leicht, aber er war eigentlich immer korrekt. Man spürte
die Hand Baturinskis, ein ehemaliger Staatsanwalt,
Chefankläger, der seinerzeit den amerikanischen U
2-Spionageflieger Francis Gary Powers in Moskau angeklagt
hatte und jetzt den sowjetischen Schachverband leitete. Ich
kannte ihn schon aus Reykjavik. Baturinski wurde sehr
unangenehm und machte viele Schwierigkeiten. Sie kennen ja
diese Geschichte: Im Spielsaal saß in der ersten Reihe ein von
den Sowjets eingesetzter Parapsychologe, der während des
Spiels die Gedanken Kortschnois stören sollte. Außerdem hatte
man vor dem Wettkampf Kortschnois Sohn in der Sowjetunion
inhaftiert. Man tat alles, um Kortschnoi zu bekämpfen. Aber
das Politische am Schach war nur eine Zeiterscheinung. Die
Gesellschaften verändern sich, Schach bleibt.
Was
fasziniert Sie an dem Spiel?
Schach heißt, gewisse
Positionen vorauszusehen. Sie entwickeln eine Kombination im
Kopf, die zunächst mal in der Stellung begründet ist. Sie
müssen erkennen, wann es so weit ist, wann die Stellung reif
ist, ihren Plan umzusetzen. Sie berechnen im Voraus oder sie
fühlen einfach, wie sich die Stellung entwickeln kann. Das ist
die faszinierende Kunst. Oder einfacher ausgedrückt: es ist
das normale Ziel eines Schachspielers, eine bestimmte gute
Position zu erreichen, indem er den Weg dahin findet und
bereitet. Ich frage einen Schachspieler: Wie berechnen Sie
das? Er sagt: Ich denke einen Zug weiter als mein Gegner. So
einfach ist das also. Ganz lustig, nicht wahr. Dem einen
fliegt es zu, der andere muss es hart erarbeiten. Der eine ist
vielleicht genial. Und der andere ist ein ganz normaler
Denker. Es kann aber auch umgekehrt so kommen, dass der
Geniale einen Fehler macht. Und der Denker, der Normale, diese
Chance nützt. Das ist Gott sei Dank sehr unterschiedlich. Es
gibt Angriffsspieler und Verteidigungsspieler, es gibt
Theoriebesessene, ja Theoriehengste, die die Eröffnungstheorie
bis ins letzte Detail studiert haben, und es gibt Spieler, die
am Brett intuitiv ganz natürliche einfache Züge finden. Im
Schach ist alles möglich.
Sind im Schach überhaupt
noch Entwicklungen denkbar?
Es ist schon richtig,
was Bobby Fischer sagt: Wenn man Spitzenspieler ist, werden
die inzwischen ausgearbeiteten Eröffnungsvarianten unter
Umständen zur Qual. In der spanischen Partie gibt es
Varianten, die reichen fast bis zum 40. Zug. Das heißt, so
lang wie eine ganze Partie ist. Alles ausanalysiert. Deswegen
sind Bemühungen im Gange, gerade von Bobby, diese
Eröffnungstheorie irgendwie über den Haufen zu werfen, indem
man Neuerungen bringt. Er hat sich zwar noch nicht gänzlich
durchgesetzt damit, aber im Grundsatz spürt man, er hat Recht.
Also könnte es sein, dass es in Zukunft mal das so genannte
Fischer-Schach gibt.
Was ist denn das?
Die einfachste Art, eine Eröffnungstheorie völlig
aus dem Gleichgewicht zu bringen, ist die so genannte
Ladendorf-Aufstellung. Man tauscht bei einer der Parteien die
Plätze von König und Dame aus. Sofort ist alles anders. Das
ist eine Möglichkeit. Und die Fischervariante ist, dass man
die Figurenaufstellung vor Beginn einer Partie auslost. Es
sind dieselben Figuren und die Läufer bleiben auch auf
unterschiedlichen Farben, aber sonst ist alles ausgelost.
Also die Läufer kommen dort hin, wo normalerweise
die Springer stehen?
Zum Beispiel. Nur die Bauern
bleiben, wo sie sind. Das müssen Sie mal ausprobieren. Sie
spielen Schach?
Ja.
Probieren Sie mal.
Sie sollen eine der größten Schachbibliotheken der
Welt haben.
Dass ich sammle, liegt nahe. Ich habe
viele Handschriften von berühmten Meistern erworben, zum
Beispiel von Philidor, auch frühere, alte Handschriften aus
dem 15. Jahrhundert, manche noch älter. Dann aber auch Briefe
von Anderssen zum Beispiel, dem ersten großen deutschen
Meister. Oder neuere Formulare, wie zum Beispiel die
Durchschläge der Partieformulare des Wettkampfs
Spasski-Fischer. Ich habe sie kürzlich nach Reykjavik
zurückgegeben. Ich habe 30 Jahre mit ihnen gelebt, sie waren
in meinem Arbeitszimmer, drei Meter von mir entfernt. Sie
können sich vorstellen, dass ich mich schwer getrennt habe.
Aber ich finde es trotzdem richtig, dass die jetzt dort sind.
Wann haben Sie angefangen, Schachliteratur zu
sammeln?
Das kam zufällig und früh durch meinen
Onkel. Der hatte meine Liebe zum Schach bemerkt, und mir, ich
glaube, ich war 13 Jahre alt, ein Lehrbuch aus dem 18.
Jahrhundert geschenkt. Das kostete damals so 35 Reichsmark im
Buchhandel, ein stattlicher Betrag. Ich war ganz fasziniert
von diesem Stück. Und dann wollte ich mehr haben, denn ich
begann, richtig Schach zu lernen.
Wie groß ist Ihre
Sammlung?
Sehr groß. Das sind zigtausend Bücher,
Broschüren, Handschriften, alles Mögliche. Es ist Lesestoff,
aber auch die Möglichkeit des Kontakts zu ähnlich denkenden
Leuten. Man liest, trifft sich, man tauscht. Man gibt und
empfängt.
Gibt es in Ihrer Bibliothek ein Stück,
das Sie ganz besonders lieben?
Ja natürlich. Das
erste gedruckte Schachlehrbuch der Welt, von Lucena. Ich habe
ein halbes Jahr überlegt, ob ich es kaufen soll oder nicht. So
teuer war das.
Aus welchem Jahr ist das Buch?
1497. Es hat den Charakter eines richtigen
Schachlehrbuches, mit Beispielen. Bis dahin wurden nur
allegorische Schachbeziehungen dargestellt, etwa durch einen
Mönch, der seine Predigten mit aus dem Schachspiel entnommenen
Texten oder Gleichnissen spickte. Er sagte zum Beispiel, dass
der Bauer im Leben auch Bauer ist oder eine andere Figur einen
Beruf hat, Menschen also eigentlich Schachfiguren seien und
umgekehrt. Das ist sicher sehr interessant, aber nicht so
spannend, wie eine alte Partie nachzuspielen.
Was
kostet heute so ein Buch?
Man redet darüber nicht.
Nicht mehr in diesem Bereich. Ich habe damals natürlich
überlegt, leiste ich mir das Buch oder nicht. Mein Gott, ich
war schon verheiratet. Ich war mit meiner Frau zum Skilaufen.
Allein fuhr ich in einem Lift, der brauchte 20 bis 30 Minuten
bis zum Gipfel. Als ich oben war, wusste ich: Du wirst den
Lucena kaufen.
Es gibt nur noch ein Exemplar?
Nein, es gibt zwei, aber nur eines in Privatbesitz. Es
sind zwei Seiten ausgetauscht durch Reprint, aber nicht im
Schachteil, sondern in der allgemeinen Abhandlung. Das Buch
heißt übrigens "Repetition der Liebe und Kunst des
Schachspiels". Ist das nicht ein wunderbarer Titel? Die Liebe
und die Schachkunst - was wollen Sie mehr?
Die
Lasker-Gesellschaft hat vor, in Berlin ein Schachmuseum zu
gründen. Wie finden Sie das?
Ganz toll.
Man könnte Ihre Bibliothek dort unterbringen.
Ach so, ja, es ist richtig, dass nach meinem Tode da
was zu geschehen hat. Ich überlege schon seit längerer Zeit.
Nicht ausgeschlossen ist, dass sie in die Bibliothek nach
Wolfenbüttel kommt, zum Herzog August, der unter dem Pseudonym
Gustavus Selenus im frühen 17. Jahrhundert auch Verfasser des
ersten deutschen Schachbuchs mit dem schönen Titel "Das
Schach- oder König-Spiel" war. Berlin als Ort wäre natürlich
auch nicht übel, Lasker-Spuren sind durchaus willkommen. Das
muss man sich noch längere Zeit durchdenken. Sie können ja mal
einen Blick nach oben in die Bibliothek werfen, dann wissen
Sie ungefähr, was ich so sammle. Ich sage Ihnen, das ist harte
Arbeit.
Das Gespräch führten Thomas Leinkauf und Paul
Werner Wagner.
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