Schach in der DDR

 
 
 

Schach in der DDR

Paul Werner Wagner berichtet

Im Leben des Kulturmanagers Paul Werner Wagner, Jahrgang 1948, nahm das Schach immer eine besondere Stellung ein.
Während seiner Inhaftierung im Stasi-Gefängnis half dem 19jährigen das Schachspiel über die schwersten Stunden der Einzelhaft. Als Vereinsspieler, Schiedsrichter und Schachorganisator lernte er die Strukturen des DDR-Schachs aus eigener Erfahrung kennen.
Nach seiner Einschätzung wurde das DDR-Schach durch Inkompetenz und Ignoranz führender Funktionäre seiner Entwicklungschancen beraubt.
Vor gut einem Jahr machte der Kultur- und Literaturwissenschaftler Paul Werner Wagner mit der vielbeachteten Potsdamer Konferenz zum 60. Todestag von Emanuel Lasker auf sich aufmerksam. Als Vorsitzender der Emanuel Lasker Gesellschaft will er neben der Bewahrung des Andenkens an Lasker all jenen einen Anlaufpunkt bieten, denen die kulturelle und historische Seite des Schachs am Herzen liegt.

Schach in der Haft
Die Grundkenntnisse des Schachspiels erlernte ich im Alter von zehn Jahren, als ich einem Nachbarn beim Spiel zuschaute. Meinen ersten Schachabend besuchte ich 1965 während der mit dem Abitur gekoppelten Berufsausbildung zum Rinderzüchter im anhaltinischen Löberitz.
Nach meinem mißglückten Fluchtversuch an der tschechisch/österreichischen Grenze im August 1967 wurde ich drei Wochen in der Tschechoslowakei inhaftiert, davon die letzte Woche in Prag. Dort teilte ich die Zelle mit einem elf Jahre älteren Vereinsspieler aus Berlin. Um uns die Zeit zu vertreiben, spielten wir den ganzen Tag Schach. Ich machte schnell Fortschritte und am letzten Tag unseres Zusammenseins gelang mir ein Remis und dann ein Sieg. Mein Zellengenosse meinte, dass ich das Zeug zum Spieler hätte. Das spornte mich an. Am nächsten Tag wurde ich in Zinnwald an die Staatssicherheit der DDR übergeben. Man lieferte mich in die Untersuchungshaftanstalt des MfS (Ministerium für Staatssicherheit), genannt „Roter Ochse“, in Halle ein. Nach zehn Wochen meiner fünfmonatigen Einzelhaft gelang es mir, ein Schachspiel zu bekommen. Ich spielte gegen mich selbst, was mir anfänglich ziemlich schwer fiel. Um in die jeweilige Rolle des Schwarzen oder Weißen zu schlüpfen, drehte ich nach jedem Zug das Brett. Ich durfte das „Deutsche Sportecho“ abonnieren, das damals täglich außer sonntags erschien. In der Sonnabendausgabe war ein großer Schachteil von Horst Rittner, dem Fernschachweltmeister und langjährigen Chefredakteur der DDR-Zeitschrift „Schach“. Von Woche zu Woche versuchte ich, die kommentierten Partien nachzuspielen und die Spielweise der Meister zu ergründen. Wochenlang sah ich mich verloren in einem Dschungel von Eröffnungen, aber zu meinem Erstaunen verhalf mir dieses Training nach und nach zum besseren Verständnis des Spiels. Die Welt der 64 Felder bot in meiner Einsamkeit eine willkommene Zuflucht. Das ständige Alleinsein und die Stasi-Verhöre konnte ich wohl nur deshalb ertragen, weil mir das Schach ein Reich der grenzenlosen gedanklichen Freiheit schenkte.
Nach meiner Verurteilung zu 18 Monaten Gefängnis wegen „Republikflucht“ kam ich ins Arbeitskommando der Haftanstalt. Endlich war die zermürbende Einzelhaft zu Ende und ich fand unter den Mithäftlingen Schachpartner. An den Besuchstagen brachten meine Eltern mir die Zeitschrift „Schach“ mit. Darin las ich mit großem Interesse die Artikelserie „Zum Dr. Lasker Gedenkjahr 1968“ von Albin Pötsch. Vom ersten Moment an war ich von der Persönlichkeit Emanuel Laskers begeistert, von seiner Begabung als Schachspieler, Mathematiker und Philosoph.
Eine starke Verehrung empfand ich auch für Viktor Kortschnoi, der damals gerade das Kandidatenfinale gegen Boris Spasski unglücklich verloren hatte.

Entwicklung zum Spieler und Organisator
Nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis im Dezember 1968 musste ich mich sieben Jahre „in der Produktion bewähren“. Das war eine Methode in der DDR, um politisch mißliebige Zeitgenossen über die Haft hinaus zu bestrafen: die Betroffenen durften weder studieren noch ihren Arbeitsplatz wechseln. Von meinem ersten Gehalt als Arbeiter in der Filmfabrik Wolfen kaufte ich mir die vierbändige Ausgabe des Eröffnungswerkes von Ludek Pachmann, der kurze Zeit später in der Tschechoslowakei als glühender Verfechter des Prager Frühlings verhaftet wurde und 1972 in die Bundesrepublik emigrierte.
Im Februar 1969 wurde ich Mitglied der BSG (Betriebssportgemeinschaft) Chemie Wolfen, Sektion Schach. Von nun an ging ich regelmäßig jeden Freitag Abend zum Training, spielte freie Partien, nahm an Sektionsturnieren teil und fand ein Vorbild in Wilhelm Kempe, der zu seinen besten Zeiten Meisterstärke hatte. Ich begann, Fernschach zu spielen, beteiligte mich an Kreiseinzelmeisterschaften und wurde Stammspieler der 2. Mannschaft in der Bezirksklasse.
Das Jahr 1972 hielt alle am Schach Interessierten in Spannung. In Reykjavik fand das Finale um die Schachweltmeisterschaft zwischen Titelverteidiger Boris Spasski (UdSSR) und Herausforderer Bobby Fischer (USA) statt. Niemals zuvor und danach stand das Schach so im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Dieses Finale wurde auf beiden Seiten als Kampf der Systeme interpretiert. Der grandiose Sieg des exzentrischen Amerikaners durchbrach die seit 1948 währende Hegemonie der sowjetischen Schachschule. Durch die geniale Spielweise von Fischer schien eine neue Ära des Schachs angebrochen zu sein. Wie viele andere auch, fühlte ich mich davon beflügelt. Im Jahr darauf gelang es mir, Sektionsmeister zu werden und die Leistungsklasse 2 zu erringen.
Auf einem Übungsleiterkurs für Schach an der Bezirkssportschule Weißenfels lernte ich den Lehrgangsleiter Ernst Bönsch kennen, der damals Trainer von Buna-Halle und der Frauen-Nationalmannschaft war. Bönsch warb mich als Mitglied der Technischen Kommission des Deutschen Schachverbandes und schickte mich zu einem Schiedsrichterlehrgang. Wenig später wurde ich Hauptschiedsrichter der DDR-Oberliga, leitete danach mehrere Dreiviertel-Finals der Männer und Frauen, die DDR-Einzel-Meisterschaften-Männer 1978 und die der Frauen 1982. Seit 1973 spielte ich bei Chemie Wolfen I am Spitzen- oder 2. Brett in der Bezirksliga Halle. 1975 wurde ich Kreismeister von Bitterfeld und erwarb die Leistungsklasse 1.
Nach meinem Umzug nach Berlin 1978 spielte ich zuerst ein Jahr bei AdW-Berlin III und dann mehrere Jahre bei Rotation Kunst in der Bezirksliga-Mannschaft am 2. Brett.
Seit meiner Heirat mit der Internationalen Meisterin Annett Michel im Jahre 1978 nahm ich regen Anteil am DDR-Frauenschach. Unser 1981 geborener Sohn heißt Emanuel, nach dem großen Emanuel Lasker.
Anfang der 80er Jahre betätigte ich mich in Berlin verstärkt als Schachorganisator, denn ich wollte unseren Sport populärer machen. Im Ostberliner Sport- und Erholungszentrum (SEZ) gründete ich die monatliche Veranstaltungsreihe „Schachcafé“. An einem Wochenende lud ich einen prominenten Schachgroßmeister, Schachhistoriker oder Trainer zum Gespräch ein. Außerdem leitete und moderierte ich im SEZ regelmäßig die Simultan-Veranstaltungen, bei denen ein Schachmeister und eine Schachmeisterin jeweils an 35 Brettern spielte. Auch der monatliche „Schachtreff im Prater“ wurde von mir initiiert.
Meine vielfältigen Aktivitäten im Schach führten dazu, dass der inzwischen zum Verbandstrainer berufene Ernst Bönsch mich 1982/83 beim Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) als Kandidat für den frei werdenden Posten des Generalsekretärs des DSV (Deutscher Schachverband) ins Gespräch brachte. Er erhoffte sich von mir Impulse zur Belebung des Schachverbandes. Da ich nicht Mitglied der SED war, lehnte mich der von Manfred Ewald diktatorisch geführte DTSB allerdings ab.

Schach in der DDR: Von Funktionären behindert
Die Geschichte des DDR-Schachs ist in der Retrospektive betrachtet bis in die 70er Jahre hinein geprägt von hervorragenden Leistungen einzelner Spieler. Danach bricht diese Entwicklung durch Fehlentscheidungen und Ignoranz führender Funktionäre ab.
Nach der deutschen Teilung hatte es viel versprechend begonnen. Die überaus talentierte Edith Keller-Herrmann aus Dresden vertrat die DDR erstmals offiziell auf internationalem Parkett bei der Weltmeisterschaft der Damen 1949/50 in Moskau und belegte Platz 5-7. Schach war somit die erste Sportart, mit der die DDR als Staat anerkannt wurde. Ab 1952 nahm die DDR-Schachnationalmannschaft gleichberechtigt mit der Bundesrepublik an den Schach-Olympiaden teil. Dagegen gab es noch bis 1964 in den olympischen Sportarten einen hoch brisanten Ausscheidungsmodus zur Bildung der Gesamtdeutschen Mannschaft.
Ein absoluter Höhepunkt im Schachleben der DDR war im Jahr 1960 die 14. Schacholympiade in Leipzig. Unter dem Motto „Gens una sumus“ (Wir sind eine Familie) trafen sich die besten Schachsportler aus aller Welt in der Messestadt zum friedlichen Wettkampf. Unvergessen bleibt das Auftreten des frischgebackenen Weltmeisters Michael Tal und des 17jährigen aufstrebenden Sterns am Schachhimmel Bobby Fischer. Die Schacholympiade war das erste internationale Großereignis des Weltsports, das in der DDR ausgetragen wurde.
Aber all die Verdienste des Schachs für die internationale Anerkennung der DDR spielten beim DTSB unter der Führung Manfred Ewalds keine Rolle mehr. Ewald, ein dogmatischer Sportdiktator, teilte nach Honeckers Machtantritt Anfang der 70er Jahre die Sportarten in Kategorien ein. Sein grenzenloser Ehrgeiz, mit allen Mitteln – auch mit Doping - bei den Olympischen Sommer- und Winterspielen möglichst viele Medaillen zu erringen und unter den Nationen eine führende Position einzunehmen, brachte für die nichtolympischen Sportarten gravierende Nachteile. Ökonomische Überlegungen spielten dabei keine Rolle. Ab 1974 wurde der Schachsport in der DDR systematisch benachteiligt. Die Teilnahme der DDR an der Schacholympiade wurde untersagt. Die besten DDR-Schachspieler durften nicht mehr an den Zonen- oder Interzonenturnieren, den Qualifikationsturnieren zur Einzelweltmeisterschaft teilnehmen ‑ lediglich Wolfgang Uhlmann genoss hier kurze Zeit einen Ausnahmestatus. Nur einige Großmeister und Internationale Meister durften ihren Profi- oder Halbprofi-Status auf einer vom DTSB finanzierten „Planstelle“ behalten. Für den talentierten Nachwuchs, wie Rainer Knaak, Petra Feustel, Annett Michel, Brigitte Hofmann, Hans-Ulrich Grünberg, Thomas Pähtz u. a. gab es daher keine angemessene Förderung und keine internationalen Einsatzmöglichkeiten im Weltschach mehr.
Aber nicht nur das Diktat des DTSB war unerträglich, sondern auch die willkürliche Politik im Schachverband. Beispiele dafür waren die Absetzungen des Trainers der SG Leipzig, Heinz Rätsch, und später des Verbandstrainers der Männer, Hans Platz, der als Parteiloser einem Genossen weichen musste. Beide Trainer hatten große Verdienste im DDR-Schach erworben und waren unter den Spielern geachtet und anerkannt.
Das Schicksal der dreifachen DDR-Meisterin Petra Feustel aus Gera zeigt die ganze Tragik dieser Situation. Als eines der größten Talente im DDR-Schach versuchte sie der Enge der DDR mit der Unterstützung von Fluchthelfern zu entkommen. Ihr Fluchtversuch wurde jedoch entdeckt und sie kam 19jährig für fast ein Jahr in Haft, bevor sie 1978 von der Bundesrepublik freigekauft wurde.

Persönliche Interessen und politische Einflussnahme
Nach meiner Einschätzung spielte der langjährige Präsident des Deutschen Schachverbandes der DDR, Armin Heinze, eine dubiose Rolle. Er gehörte als Staatsanwalt zur Generalstaatsanwaltschaft der DDR. In seinen Reden auf den Verbandstagen des DSV und bei den DDR-Meisterschaften fanden sich stets Ergebenheitserklärungen und Lobpreisungen auf die SED-Führung und den sozialistischen Staat. So war es nur logisch, dass er nach den unsäglichen Beschlüssen des DTSB nicht öffentlich gegen die Diskriminierung des Schachsports protestierte oder sein Amt zur Verfügung stellte.
Sein persönlicher Ehrgeiz, weiterhin als internationaler Schiedsrichter eingesetzt zu werden und als Mitglied der FIDE an deren Sitzungen in westlichen Ländern teilnehmen zu dürfen, stand deutlich über der Pflicht, die Interessen des DDR-Schachsports zu wahren. Seine Einsätze im Westen wurden mit Spesen in harter Währung entlohnt.
Das jahrelange Taktieren des DSV unter diesem Präsidenten war ein aussichtsloses Spiel mit der Hoffnung, den DTSB umzustimmen und wieder an internationalen Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen. Nach der plötzlichen Ablösung Heinzes durch den DTSB rückte der Oberst der Nationalen Volksarmee Werner Bartel ins Präsidentenamt. Den Hauptschwerpunkt seiner Arbeit bildete das Kinder- und Jugendschach. Sein Verständnis für das Leistungsschach hielt sich in Grenzen.
An der Besetzung des Postens des Generalsekretärs in den 70er und 80er Jahren kann man die massive Einflussnahme des DTSB am besten ablesen. Mit Egon Dieckmann wurde ein Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit auf den Posten des Generalsekretärs gesetzt. Sein Nachfolger Willi Langheinrich kannte nicht einmal die Regeln des Schachspiels.

Bemühungen um gesellschaftliche Anerkennung
Es gab aber auch ernst gemeinte Versuche, die gesellschaftliche Dimension des Schachspiels zu begründen und damit dem Schach bei der SED-Führung Anerkennung zu verschaffen. Auf Initiative von Ernst Bönsch, der mit einer Arbeit über Schachdidaktik promovierte, wurde 1972 eine „wissenschaftliche Konferenz“ in Halle abgehalten, die auf persönlichkeitsbildende Aspekte des Schachs in der sozialistischen Gesellschaft hinwies. Dazu zählten Schulversuche an einer POS (Polytechnische Oberschule) in Wittenberg unter der Leitung des DSV-Vizepräsidenten und Schuldirektors Hartmann zur Einführung eines obligatorischen Schachunterrichts nach sowjetischem Vorbild. Hier wurde nachgewiesen, dass die Schüler der Klassen mit Schachunterricht bessere Leistungen in den naturwissenschaftlichen Fächern erbrachten. Ernst Bönsch referierte über „das Persönlichkeitsbild des Schachsportlers in unserer Gesellschaft“. Darin zeichnete er die Traditionslinie des DDR-Schachs von Lasker zu Ernst Thälmann, der die klassenbewussten Arbeiter aufforderte, durch das Erlernen des Schachspiels Geistesschulung zu betreiben, um die Auseinandersetzung mit der Bourgeoisie besser führen zu können. Seine weiteren Ausführungen über Persönlichkeitsbild und Anforderungen des Schachspielers lesen sich noch heute spannend. Der DSV-Vizepräsident Heinz Stern, leitender Redakteur des Organs des ZK der SED „Neues Deutschland“, referierte in Halle über die Entwicklung des Schachs zum Volkssport in der Sowjetunion. Dabei hob er besonders die großen Leistungen des obersten Schachfunktionärs und Ministers Nikolai Krylenko hervor. Mit keinem Wort jedoch erwähnte Stern Krylenkos Schicksal, der 1937 verhaftet und kurze Zeit später von Stalins Schergen erschossen wurde.
Als Zeitschrift des Deutschen Schachverbandes der DDR unterlag „Schach“ dem politischen Zugriff der SED. Regelmäßig zu den „gesellschaftlichen Höhepunkten der DDR“ erschien seit den 70er Jahren der politische Leitartikel „Das aktuelle Thema“ aus der Feder eines Funktionärs des DSV oder DTSB, außerdem Artikel über die Klassiker des Marxismus/ Leninismus mit ausgewählten Partien bzw. Partiestellungen. Der Versuch, die Förderung der Denkleistung durch das Schachspiel am Beispiel von Karl Marx und Wladimir Iljitsch Lenin zu beweisen, sollte den Stellenwert des Schachs im Sozialismus erhöhen.
Große Hoffnung setzte die DSV-Führung auf die Hilfe des sowjetischen Schachverbandes und der FIDE. Ein vergebliches Unterfangen. Die weitere Entwicklung des DDR-Schachs ging in Richtung Breitensport mit dem Schwerpunkt der Kinder- und Jugendförderung. Dies geschah auf Kosten des Leistungssports. Bei Erhalt bzw. Neuvergabe der wenigen bezahlten Stellen als Schachprofi spielten nicht unbedingt nur die Leistungsstärke und das Talent eine Rolle.
Oft war die Zugehörigkeit zur SED Voraussetzung. Deshalb gab es unter den besten Spielern bzw. Spielerinnen viele Genossen. Diesen Kompromiss gingen in der DDR viele Wissenschaftler, Künstler und Sportler ein, um überhaupt eine Entwicklungschance zu bekommen. Die Verantwortlichen des DSV handelten bei ihrer Kaderauswahl recht willkürlich und nach persönlicher Interessenlage.

Stagnation
Die Reihe derer, die offensichtlich benachteiligt wurden – hier möchte ich nur Petra Feustel, Hans-Ulrich Grünberg, Raj Tischbierek, Annett Michel und Iris Bröder nennen – ist lang.
In den 80er Jahren setzte im DDR-Schach zwangsläufig ein Stagnationsprozess ein. Die Spitzenspieler durften bis auf wenige Ausnahmen nur an Turnieren in den sozialistischen Bruderstaaten teilnehmen und verloren so immer mehr den Anschluss zur Weltspitze.
In den Jahren meiner Ehe mit Annett Wagner-Michel, und durch viele vertrauliche Gespräche mit führenden Spielern, die sich über ihre Situation beklagten, konnte ich aus nächster Nähe die Folgen der Ausgrenzung der DDR-Schachsportler miterleben. Viele Spieler stellten ihre gesamte berufliche Entwicklung in den Dienst des Schachs. Das bedeutete meist eine taktische Studienwahl, die genügend Zeit zum Schachspielen ließ und eine Arbeitsplatzwahl, die Freistellungen für Meisterschaften und Turniere ermöglichte. Bis auf wenige Ausnahmen konnte ein Schachspieler, der nach internationalen Erfolgen trachtete, im Beruf keine Karriere machen. Der hohe persönliche Einsatz wurde aber vom DSV in keiner Weise honoriert. Diese permanente Frustration konnten viele Spieler nur mit Zynismus oder Sarkasmus ertragen.
Das DDR-Schach hat trotz seiner Jahrzehnte währenden Diskriminierung bemerkenswerte Leistungen vollbracht. An erster Stelle müssen hier Edith Keller-Herrmann und Wolfgang Uhlmann genannt werden, die es geschafft haben, zur Weltspitze vorzustoßen. Der Schachsport fand in der DDR zwar weite Verbreitung, aber nie richtige Anerkennung.
Ähnlich wie in der Wissenschaft, Kunst und Kultur beraubte sich die SED-Führung mit ihrer ignoranten Politik der innovativen Kräfte im Schach.
Im vereinten Deutschland wurden die ehemaligen Schachspieler der DDR als gleichberechtigte Mitglieder in den DSB integriert und geben seither dem deutschen Schach wertvolle Impulse.
Die Bedeutung des Schachs wird auch in der heutigen Gesellschaft nur bedingt wahrgenommen. Dies wird deutlich an der Einschätzung des Landesrechnungshofes in Berlin, Schach den Status der Sportzugehörigkeit abzuerkennen und damit gezielt staatliche Förderung einzuschränken.
Eine stärkere Verbreitung des Schachs unter Kindern und Jugendlichen als eine Form sinnvoller Freizeitgestaltung wäre aus meiner Sicht wünschenswert. Dazu bedarf es der vereinten Kräfte von organisierten und nicht organisierten Schachfreunden in Deutschland.
Die Emanuel Lasker Gesellschaft will ganz im Sinne des genialen Weltmeisters und Denkers für die Anerkennung des Schachs als wertvolles Kulturgut eintreten und an der Seite des Deutschen Schachbundes zur Erhöhung der Popularität des Schachsports in der Gesellschaft beitragen.

[Im Dezember 2001 veröffentlichte die Landesbeauftragte für die Unterlagen der Staatssicherheit Sachsen Anhalt Paul Werner Wagners Inhaftierungsgeschichte anhand der Vernehmungsprotokolle durch die Stasi, siehe: www.Landesbeauftragte.de.
Informationen über die Emanuel Lasker Gesellschaft unter: www.Lasker-Gesellschaft.de]

 

aktualisiert: 29. April 2002